Kultur : Angriff auf die Salontauglichkeit der Kunst: Bei Monica Bonvicinis

PETER HERBSTREUTH

Wind-Installation in der Galerie Mehdi Chouakri steht man mitten im Kunstwerk Der freie Flug einer JunggenialenVON PETER HERBSTREUTHDie Ausstellung besteht aus einer Video- und und Wind-Installation, die den Besucher überfallartig mit einem Tatbestand konfrontieren und zu verhindern suchen, der Situation kalt ins Auge zu schauen."Hammering out" und "A violent, cyclonic, tropical piece of art having wind speeds of or in excess of 75 miles per hour" wollen schockhaft den Reizschutz des schwer zu beeindruckenden Galeriegängers zerschlagen und nachhaltigen Eindruck hinterlassen.Man steht dem "Werk" nicht gegenüber, sondern mittendrin. Die Wind-Installation ist seit Eröffnung Stadtgespäch.Zwei Ventilatoren treiben dröhnend die Luft mit hoher Geschwindigkeit durch den Raum.Es ist angenehm, sich das Haar darin zu baden und sich den Wind ins Gesicht blasen zu lassen, aber auf Dauer ist es nicht auszuhalten.Der Galerist hat mittlerweile "An"- und "Aus"-Zeiten eingeführt, weil er den Lärm nicht erträgt.Der Einsatz seiner Künstlerin opponiert gegen den Galerieraum, gegen lange Dauer, gegen das häusliche Leben mit Kunst und steht quer zu allem, was in Galerien üblich und verkäuflich ist. Ausnahmen - etwa Bruce Nauman - gab es immer.Aber in Galerien ist es gewöhnlich ruhig.Und in der ausgedehnten Stille klingt eine Detonation wie Poesie.Wir werden Zeuge des explosiven Gemischs einer in nervöser Unruhe hellwach gewordenen Künstlerin, die sich mit den repäsentativen Rahmenbedingungen der Kunst überworfen hat und in dieser Überwerfung Kunst wie einen Molotow-Cocktail benutzt. Bereits der Titel der Wind-Installaton deutet an, daß es sich um eine recht durchgedrehte Arbeit handelt.Obschon er nur die technischen Daten zweier entgegensetzter Ventilatoren wiedergibt, treibt der Rhythmus die Wörter wie die Ventilatoren den Wind vor sich her.Das ist ansteckend und hat etwas Exzessives.Und gerade dies ist in der so umgänglichen und auf jedwede Kompatibilität getrimmten Gegenwartskunst gefährlich für die Salonfähigkeit des Markts.Künstler, die mit viel Fleiß und Können konfliktfreie Wände dekorieren, sehen plötzlich, daß es noch andere Parameter als Besucherfreundlichkeit gibt.Und es ist schön, dem freien Flug einer Junggenialen zuzusehen, bevor sie gezähmt oder auf den Mond geschossen wird. Monica Bonvicini, 1965 in Venedig geboren, spielt ein heikles, wenn auch für Beobachter amüsantes Doppelspiel.Sie will zwar im sozial verträglichen Rahmen der Galerie ausstellen, doch von Konventionen nichts wissen.Die Wind-Installation eignet sich nicht zum Schauen.Sie ist selbst aktiv, erzeugt aber nur heiße Luft und existiert nur solange, wie sie ihrerseits als Ereignis eine Aktivität erzeugt, die das Umfeld aus der Perspektive dieser künstlerischen Tat betrachtet.Der Überraschungseffekt ist bereits das halbe Einsatz.Er will nicht Ewigkeit, sondern spielt wie eine Performance alle Reserven in begrenztem Zeitraum aus und ist ein Kommentar zur gegenwärtigen Produktion in kommoden Verhältnissen, den man nicht teilen muß. Bonvicini zeigt kein Werk, sondern eine Einstellung.Sie setzt eine Befreiungsgeste als Spiel an den Grenzen der Kunst zwischen die Wände und gibt dem Widersinn eine Chance, damit der Abstand der Kunst zum Leben erhalten bleibt.Wie Manfred Pernice in der Galerie Neu zieht sie Besucher an, um sie beeindruckt wieder zu vertreiben."Gehört Luft zur Architektur, gehört sie zur Kunst?", fragt sie, knipst die Ventilatoren an und tanzt. Galerie Mehdi Chouakri, Gipsstraße 11, bis 18.April; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 13-17 Uhr.

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