Kultur : Angriff der Klonkrieger

Berliner Premiere: Mit dem Musical „Daddy Cool“ setzt sich Produzent Frank Farian ein Denkmal

Christian Schröder

Die Welt ist eine Discokugel. Lichter blitzen, ein stampfender Rhythmus setzt ein, Hochfrequenzgeigen sirren. Auf der Bühne steht ein gigantischer Globus, der rot, blau, grün funkelt. Der Globus wirkt wie ein Raumschiff, das aus der Ära der Plateaustiefel und Flügelkragenhemden in der Gegenwart gelandet ist. Eine kugelrunde Retromaschine, vor der und in der sich zwei Dutzend Tänzerinnen und Tänzer bewegen. Sie singen „Baby, Do You Wanna Bump“, einen Hit aus der Disco-Steinzeit. Dann erscheint der Titelheld des Abends: Daddy Cool. Er trägt einen überformatigen Schlapphut, einen silbernen Mantel und die größtmögliche Gürtelschnalle. Von weitem sieht er aus wie Bobby Farrell, der Boney-M.-Sänger, der bei den Songs seiner Band immer nur die Lippen zum Playback bewegen durfte. Schon pumpt das Bassintro von „Daddy Cool“, die Zuschauer jubeln.

Mit dem Musical „Daddy Cool“ hat sich der Musikproduzent Frank Farian selber ein Denkmal gesetzt. Das Stück, das zuvor in London lief, feierte am Donnerstag im „Boney M.-Theaterpalast“, einem eigens errichteten Veranstaltungszelt am Berliner Ostbahnhof, seine deutsche Premiere. Farian hat 800 Millionen Platten verkauft, mit seinen Hits aus den siebziger und achtziger Jahren gilt er bis heute als weltweit erfolgreichster deutscher Musikmogul. Natürlich ist der Soundtrack des Musicals gespickt mit alten Nummern wie „Hooray! Hooray!“, „Sunny“, „Girl You Know It’s True“ oder „Ma Baker“, mit denen Farians Klonformationen Boney M., Milli Vanilli und La Bouche einst die Hitparaden beherrschten. Aber „Daddy Cool“, das ist die größte Überraschung des Abends, begnügt sich nicht damit, eine Nostalgierevue sein zu wollen.

Das Musical spielt in einer Gegenwart, in der viel gerappt und gebreakdancet wird, der Boney-M.-Sound wurde mit House-Rhythmen generalüberholt. Erzählt wird eine Variante der „West Side Story“, die sich ihrerseits bereits bei „Romeo und Julia“ bedient hatte. Eine Liebe, die nicht sein darf. Sunny Chambers (Dwayne Wint), der aus Trinidad nach London kam, um Sänger zu werden, hat sich den Subsonics angeschlossen, einer Streetgang, die gerne im Musikstudio abhängt. Seine Geliebte Rose Baker (Camilla Beeput), Tochter der berüchtigten Nachtklubbetreiberin Ma Baker (Vanessa Leagh Hicks), gehört zu den Blades.

Die Gangs duellieren sich, anfangs mit ihren Songs, später mit Messern und einer Pistole, und skaten dabei auf Zäunen über die Bühne. Daddy Cool (Emmanuel Sonubi), Sunnys toter Vater, gespenstert als unvergessener Tänzer und großer Lover durch die Geschichte. Nur mühsam kommt der Plot in Schwung, der zweieinhalbstündige Abend hat Längen. Aber die Mitglieder des fast ausschließlich schwarzen Londoner Ensembles können singen und tanzen, einige Auftritte sind furios. Am Ende skandieren sie „Music is a fever“, dann beginnt die große Boney-M.-Party.

Theaterpalast am Ostbahnhof, bis 24. Juni

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