Kultur : Angriff der Pixel

Peter Herbstreuth

findet in Berliner Galerien Parallelwelten Gestern eröffnete die 1968 geborene Antje Majewski in der Galerie neugerriemschneider einen entwaffnenden Raum: Nach mehrmonatigem Aufenthalt in Mexikos inszeniert sie die Nachbilder in warmen Farben, wählt lokale Bildmotive und ziert sie mit bedeutungsstifenden Schmuckelementen (Preise zwischen 4000 und 6500 Euro). Es ist nicht das reale Mexiko, sondern das Mexiko ihrer Gedanken. Die Besucher sind dem festlichen Charakter der Farben völlig ausliefert. Selbst jene, die zum Mäkeln neigen, verstummen. Die Inszenierung gibt den Teilen einen Zusammenhang und bestätigt den Titel als tragende Idee. „Mal de Ojo“ meint den bösen Blick, der kleine Kinder verhext und Erwachsenen Übel bringt, den man aber mit farbigen Schleifen und Bändern abwehren kann. Farbe und Form, so behauptet die Schau, wehren Übel ab, erzeugen Sympathien oder ziehen Aggressionen an – ob man an den bösen Blick glaubt oder nicht. Darin liegt Wahres und schon deswegen ist die Ausstellung ein Must (Linienstraße 155; bis 19. März).

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Die Gegenprobe lässt sich zwei Straßen weiter in der Zwinger Galerie mit der neuen Installation des Kollektivs Susi Pop machen (Gipsstraße 3; bis 2. April). Auf einer giftgrünen Pixelwand hängen drei pinkfarbene Kopien von Werken des französischen Hofmalers Fragonard. Die Motive zeigen Sodomie, Mädchenhandel und Vergewaltigung (Preise zwischen 1400 und 8000 Euro). Letztes Jahr wurden die Originale im Alten Museum gezeigt und vom Großteil der Kritiker bejubelt. Da Susi Pop mit der unaggressivsten Farbe überhaupt – pink – Gewaltszenarien gleichsam in Watte einpackt, versinken die Motive in der Farbe und verlieren ihren Wirklichkeitsgehalt, dem aber die aggressiven Grünpixel entgegen stehen. Nicht die Bilder, die Umgebung ist gewaltaktiv, behauptet die Ausstellung. Und man macht ganz beiläufig die Erfahrung, dass es dem Medium Installation gelingt, die Reproduktionen in Originale zu verwandeln, weil sie die Elemente materiell und ideel zum „Salle Fragonard“ verortet. So gibt es mindestens zwei Gründe, diese Schau zu schätzen.

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Das gilt auch in der Galerie Jarmuschek + Partner (Sophienstraße 18, bis 5. März), wo der Dresdner Maler Grauberg einer schillernden Idylle des Gewohnten bis zu eben jener Schwelle nachgeht, an der sie in Unverhofftes umzuschlagen droht und die Luft von Ungeheuerlichem zittert. In seinem neuen Zyklus bezieht er sich auf „sentei“: den kunstvollen Schnitt der Bäume in Japan (Preise von 3000 bis 6500 Euro), blendet geometrische Muster wie tektonische Verschiebungen ineinander und zeigt, was nicht zu sehen ist: die vibrierende Ruhe vor dem Umschlag als reine Evokation und permanenter Krisenzustand. Das verleiht den Mustern eine stete Aggression – wie der böse Blick bei Majewski im Schutz des häuslichen Dekors. Sie können mit dem Unheimlichen von E.T.A. Hoffmann verbunden werden, bei dem das Grauen aus den polierten Möbeln kriecht. In all diesen Parallelwelten ist Farbe eine Waffe.

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