Kultur : Angst bei den Schweizern

Als Asterix zu den Eidgenossen kam, traf er auf ein ruhiges, sauberes Land. Am 1. August ist Nationalfeiertag – die Ruhe scheint dahin.

Michael Angele

Im Flugzeug nach Basel spricht der Kapitän zuerst auf Schweizerdeutsch, fast ein wenig übermütig. Dann spricht er lässig auf Englisch. Zuletzt macht er die Ansage lustlos auf Deutsch. Hochdeutsch scheint bei den Schweizern immer unbeliebter zu werden. Im Bahnhof Basel verkünden die Zeitungen: „Emils Komikerschelte – nun schlagen Rima und Co. zurück“. Emil, der Loriot der Schweizer, ist also noch da, schön. Andererseits zettelt er einen Humorkrieg an. In dem Land muss sich einiges verändert haben.

Noch vor wenigen Jahren galt Schweizer Humor als eine harmonische Angelegenheit, und noch ein wenig früher, sagen wir zu den Zeiten, als Asterix bei den Schweizern war, war er nicht vorhanden. Dafür trafen Asterix und Obelix bei ihrer Suche nach einem Edelweiß für den Zaubertrank des Druiden auf ein blitzblankes Land mit guter Luft – und auf Menschen, die sich mit den fremden Mächten, den Römern, irgendwie arrangiert haben und am liebsten in Ruhe gelassen werden wollen.

Sauber ist das Land immer noch. Aber die Ruhe scheint weg. Und sonst: Was ist von den alten Klischees geblieben, die ja nicht nur falsch waren? „Peinlich, das alles“, sagen die alten Studienfreunde spätabends in Bern . „Peinlich“ sagen sie häufig, wenn die Rede auf die Schweiz und das Bild kommt, das sie von sich abgibt. Besonders peinlich sind ihnen die Auftritte des ZDF-Experten Urs Meier, des ehemaligen Fifa-Schiedsrichters. Man verstehe ihn gar nicht richtig. Sei allerdings auch besser so. Was ist mit der schweizerischen Mannschaft, die nun nicht mehr National-, sondern Superliga heißt? Dem neuen Wankdorfstadion? Mal sehen, vielleicht mal hingehen, wenn der FC Basel kommt. Am besten wäre es allerdings, wenn Basel in der Bundesliga spielen würde, sagen sie.

Es sind nicht gerade Patrioten, die sich hier versammelt haben. Und sie haben es auch nicht gerade weit gebracht. Kurt zum Beispiel, der heute seinen 40. Geburtstag feiert, fließend Latein spricht und in seiner Freizeit die Schriften des Philosophen Meinong studiert, jobbt bei der Metzger- und Coiffeurausgleichskasse. Reste von Bündnerfleisch stehen auf dem Tisch, Käse natürlich auch. Einer holt eine riesige Tunfisch-Dose, er hat sie aus Italien mitgebracht, mit dem Cisalpino ist es ja nur noch ein Katzensprung nach Mailand. Peter zündet sich eine Zigarette an. Es werde immer schlimmer, ab Oktober sei das Rauchen auch in den Zügen verboten. Wie viele Schweizer nimmt auch er oft und gerne die Bahn. Der neue Fahrplan gilt als Meisterwerk, die Wagen sind komfortabel, der Blick aus den sauberen Fenstern ist schön, und mit der Schweizer Bahncard, dem Halbtaxabo, ist es gar nicht einmal so teuer. Vielleicht ist es ja das Netz von SBB und CFF, das dieses Land insgeheim zusammenhält?

„Es raucht ja auch nur noch die Unterschicht“, erklärt Peter. Die Schweiz ist immer noch das zweitreichste Land der Erde, aber rund eine halbe Million Menschen leben am Existenzminimum. Sichtbar ist ihre Not allerdings nicht. Nur diskrete Zeichen zeugen überhaupt von der Existenz einer Unterschicht. Wie das Rauchen. Deshalb sei es ein Akt der Solidarität mit ihr, dass er von Marlboro Gold wieder auf die starken roten Marlboro zurückgekehrt ist.

Gelächter, es ist spät geworden, SMS-Meldungen werden an die Freundinnen verschickt, ist ja ein rechter Männerbund hier. Wie damals bei den Fondueorgien, auf die Asterix traf. Und nun, wer hätte das gedacht, wird tatsächlich noch ein wenig politisiert, so wie es die Mannen in diesem Land immer schon gemacht haben. Der Föderalismus ist eine gute Sache, sagen sie, was für Zürich recht ist, muss für den Kanton Glarus nicht billig sein. Ob die EU wirklich gut ist, steht dagegen noch nicht fest. Klar ist, dass es mit den Bauern so nicht weitergehen kann. Diese Subventionen. „Ich weiß nicht, was du hast, die Butterberge sind doch abgetragen“, meint einer.

Die Berge. Sie sind immer in der Nähe, auch wenn man sie manchmal vergisst. Sie verändern sich nicht. Oder doch: Wer sie ein Leben lang vor sich hat, wird vielleicht beklagen, dass der eine oder andere Gipfel nicht mehr ganz so weiß ist wie früher. In den letzten hundert Jahren ist die Schneegrenze um rund 200 Meter gestiegen. Wegen der Klimaerwärmung. Und es sind auch nicht immer dieselben Menschen, die sie sehen wollen. In den Fremdenorten werde neuerdings manches auch auf Chinesisch angeschrieben.

Die Alpen, genauer die Berner Alpen, sieht man auch vom Ufer des Bieler Sees aus, wo ich anderntags mit Paul auf der Terrasse eines Restaurants sitze. Vor drei Jahren stand am gegenüberliegenden Ufer ein Teil der großen Landesausstellung, der Expo 02. Man sieht nichts mehr davon: Nachdem die Expo zu Ende war, wurden die Pavillons und andere Bauten wieder abgetragen. Ein erfolgreiches Konzept, eine saubere Sache. Man hatte sich auch ein wenig Auftrieb für den Tourismus in der Gegend erhofft. Eher vergeblich, meint Paul, der Gerichtspräsident der Stadt am See. Obschon das Seeland wunderschön ist, wie ihm neulich ein paar Handwerker aus dem österreichischen Vorarlberg bestätigt hätten, die eine Einbauküche für sein neues Heim anlieferten. Nach dem Ersten Weltkrieg wollten die Vorarlberger unbedingt den Anschluss an die Schweiz, eine Abstimmung wurde gewonnen, die Schweizer lehnten ab. Als Österreich noch nicht in der EU war, fuhren sie dann gerne zum Einkaufen in die Schweiz. Das hat sich erledigt. Umgekehrt ist für die Schweizer vieles dort halb so teuer wie zu Hause. Das Kino, das Essen, offensichtlich auch Einbauküchen.

Eigentlich wollten wir ein Käsefondue essen. Aber die Schweizer essen im Sommer kaum Fondue. Sie verbinden es mit körperlicher und sozialer Wärme nach einem eiskalten Tag. Paul hat zwar einen Ex-Jugoslawen in der Stadt ausgemacht, der das ganze Jahr den Käse schmelzt, aber heute ist Ruhetag. In dessen Kneipe hing jahrelang ein Bild von der Brücke von Mostar. Nachdem sie Ende 1993 im Krieg zerstört wurde, kam die Lokalpresse und wollte mehr über den Wirt und die Brücke wissen. Der Wirt blieb einsilbig. In jenen Jahren hat die Schweiz, damals noch nicht Uno-Vollmitglied, die Schaffung eines Korps von Blauhelmen abgelehnt. 1999 schickte sie dann aber Milizsoldaten ins Kosovo. Nach einem Wort des Publizisten Jürg Altwegg kehrte damit die Geschichte „auf leisen Sohlen“ in die Schweiz zurück.

Jürg Altwegg, der Deutschschweizer aus Zürich, hat viel über die Romandie, die französischsprachige Schweiz, geschrieben. Er versteht sich als Vermittler zwischen den beiden Kulturen. Das ist nicht ganz leicht, man lebt mehr oder weniger aneinander vorbei. Das neue Nationalstadion, das anstelle des alten Wankdorfstadions (Wunder von Bern!) gebaut wurde, heißt offiziell Stade de Suisse Wankdorf Bern. „Stade de Suisse“ sagt aber niemand in Bern.

Altwegg lebt in Genf. Von Zug aus sehe ich die Freiburger Alpen, es geht am Jura entlang, dem Karstgebirge, das kaum jemand mit der Schweiz assoziiert, aber, persönlich gesprochen, unendlich viel reizvoller ist als die Alpen. Eine halbe Stunde später taucht der Genfer See auf, Nabokov, Chaplin, Bowie, alle längst tot oder die Villa verkauft, aber man kann verstehen, was sie angezogen hatte. Auch Genf am Ende des Sees ist eine prächtige Stadt, vielen Schweizern fremd, etwas zu mondän. Sie gehört ja auch nur zufällig zur Schweiz. So wie in den Augen vieler Romands ihre ganze Romandie.

Wir sind im Café le Lyrique verabredet. Es liegt neben dem Grand Theatre, vis-à-vis des Stadtparks, dazwischen dreht sich der Verkehr. Der garçon spritzt mit einem Schlauch den Boden ab, das Leben erwacht, die Menschen setzen sich, schlagen die Zeitung auf, bestellen bei madame ihren Kaffee. Das Café ist nicht hipp, es ist viel besser, es hat Stil. Man möchte sofort wieder mit dem Rauchen anfangen.

Altwegg berichtet, dass sich sein letztes, gemeinsam mit Roger de Weck geschriebenes Buch über die „Kuhschweizer und Sauschwaben“ recht gut verkauft habe. Er vermutet, dass es vor allem von Deutschen gelesen wird, die sich in steigender Zahl in der Schweiz niederlassen. In letzter Zeit liest man auch von ostdeutschen Arbeitern, die in die Schweiz kommen, um auf dem Bau zu arbeiten. Wie früher die Italiener, die Tschinggä. Aber mehr zu reden, vor allem hinter ihrem Rücken, geben die deutschen Professoren, Ärzte, Journalisten oder Theatermenschen, die oft Schlüssel- und Führungsstellen besetzen.

Aber nichts gegen die Deutschen. „Ich mag sie gerne, gopferdami. Ein Mittagessen mit ihnen beim Italiener, wie sie sagen, ist einfach schön, lebendig, verschteisch?“, sagt er. „Und dann diese Macht. Vierte Ökonomie der Welt, die erste auf dem Kontinent, das spürst du einfach. Und die arbeiten ihre Vergangenheit auf, nicht so wie die Schweizer.“ Der dies sagt, ist Jean Ziegler, der sich zu uns setzt. Der berühmte Autor des Buches „Die Schweiz wäscht weißer“. Soziologieprofessor in Genf und an der Sorbonne, bis vor ein paar Jahren Nationalrat im Schweizer Parlament. Im September erscheint sein neues Buch „Das Imperium der Schande“. Ziegler ist vielleicht der einzige Star-Intellektuelle, den die Schweiz hat. 71 Jahre alt ist er mittlerweile. Er ist fit. Er ist sich treu geblieben. Er ist ein dankbares Opfer der Schweizer Komiker geworden. Aber das Volk, soweit man hört, spottet nicht über ihn. Natürlich: Man ist politisch nicht auf seiner Linie, aber man bewundert seinen Mut – wie viele Prozesse haben die Mächtigen nicht gegen ihn geführt!

Er ist jetzt, wie er selbst sagt, „Special Rapporteur on right to food“ bei der Uno, hier in Genf. Gerade kommt er von einem Interview mit Al Dschasira. 55 Minuten durfte er reden. „Es kommt ganz selten vor, dass sie einen Weißen nehmen, verschteisch?“ Und er redet von den Millionen, die von der Tsunami-Katastrophe bei der Unicef liegen, aber nicht für Afrika eingesetzt werden können. Dabei bräuchte man in Niger dringend 250 Tonnen Nahrungsmittel bis zur nächsten Ernte. „Wunderschönes Land, wunderschöne Menschen. Kannst du dir vorstellen, dass nur vier Prozent fruchtbarer Boden ist? Aber reden wir von der Schweiz.“

Ich erkläre, dass ich den Veränderungen in diesem Land nachspüre, und skizziere meine Idee mit „Asterix bei den Schweizern“. Ihre Suche nach einem Edelweiß für den Zaubertrank führt sie ja auch nach Genf, damals von den Römern besetzt. Hier finden diese Fondueorgien statt, hier thront damals schon der Palais des Nations über der Stadt (in Wahrheit 1936 fertig gestellt). Und hier ist der Schweizer Banker, der sich nicht schmutzig machen will und es dann doch tut... „Also das Bankgeheimnis ist total intakt“, sagt Ziegler. Man gehe davon aus, dass 27 Prozent aller Auslandsvermögen auf Schweizer Nummernkonten liegen. Schätzungsweise 6000 Milliarden Dollar. Vermutlich mehr.

Von den Römern wird Genf nicht mehr besetzt. Aber unter Fremdherrschaft steht die Stadt in Zieglers Augen immer noch. Nun sind es die Globalisierung und der Neoliberalismus, die sie im Griff haben. Und mit ihnen im Bunde die Mächtigen im Land. Die Herrschaftsstruktur in der Schweiz sei total gefestigt. Das fasziniere ihn. Das gebe es nirgends sonst auf der Welt. Einwände nach dem offensichtlichen Bedeutungsverlust der Schweizer Armee, die diese Struktur lange geprägt hat, lässt er nicht gelten. Auch die Veränderung in der Parteienlandschaft nicht, die Erosion der bürgerlichen Parteien. Epiphänomene. Nun würden der Staat kaputtgemacht, die Swisscom nach Managerkriterien geleitet, irrsinnige Gehälter bezahlt. Der Neoliberalismus sei verheerend. „Wie Aids, hat Bourdieu immer gesagt.“ Die Leute seien verängstigt, total. 15000 Dauerarbeitslose im kleinen Genf. Er bekäme oft Anrufe von einfachen Leuten. Neulich habe einer angerufen, der 18 Jahre bei Rolex gearbeitet habe und nun Knall auf Fall gekündigt wurde. Unanständig sei das. Total unanständig.

Aber ist es nicht vielerorts in Europa viel schlimmer? Und dann gibt es hier ja nicht nur eine Bourgeoisie, sondern, gerade auch in Genf, die Citoyens. Seine Leser, oder? „Um den 42000 Quadratkilometer großen Flecken geht es doch gar nicht“, sagt Ziegler. Nein, um die Erhaltung der Zivilisation gehe es. Für die Rettung der Grundprinzipien der Aufklärung kämpfe er. Große Worte. Untypisch für einen Schweizer. Ich begreife langsam, dass „die Schweiz“ für ihn etwas Chimärenartiges hat. Sie breitet sich über einer unsichtbaren Weltkarte aus, wird durch Namen wie Novartis oder Nestlé markiert, faktisch dem größten Nahrungsmittelkonzern der Welt. Der Zwerg ist eigentlich ein Riese. Besser gesagt: ein ökonomisches Ungeheuer. Und mit dieser Einstellung wächst auch Ziegler selbst, wird zur Verkörperung der so genannten „anderen Schweiz“, solidarisch, kosmopolitisch – Che Guevara soll ihm bei einem Besuch in Genf gesagt haben, sein Kampf sei hier, im „Kopf des Monsters“.

So viel man sehen kann: ein schöner Kopf. Nun sieht es allerdings nach Regen aus. Wir machen uns ans Zahlen. Ob man schon von der subversiven Integration gehört habe? La toppe, der Maulwurf, der gräbt und gräbt, bis alles einstürzt und das Licht... – nun muss er selbst lachen.

„Er ist im Grunde genommen ein großer Patriot“, sagt Altwegg beim Mittagessen. Wir sitzen vor der „Walliser Stube“, in der es jederzeit ein Fondue gibt. Der garçon ist ein Spanier. Er hält mich für einen Touristen und will erklären, wie man das Fondue isst. Aber ich breche ja auch wirklich zu große Stücke vom Brot ab. Später schlendere ich noch ein bisschen durch die Stadt. Nehme am See eine kleine Fähre. Zum Casino. Den Hang hinauf, an afrikanischen Kulturzentren und Kebabbistros vorbei, am Place de la navigation reißen sie den Boden auf. Das Haus in der Nummer zwei bleibt geöffnet, Hotel Edelweiß heißt es.

Michael Angele, 40, ist Schweizer und lebt als Journalist und Buchautor

in Berlin. Zuletzt erschien:

„Ankunft Weltende, halb zwölf“

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