Kultur : Angst essen Freiheit auf

Leben mit dem Terror: der 11. September und die Katastrophe von New Orleans

Caroline Fetscher

„Ohne Tugend ist Terror verhängnisvoll, und ohne Terror ist die Tugend machtlos.“ Die Formulierung stammt nicht von einem Dschihadisten der Gegenwart, sondern von Robespierre. Dem Stalin der Französischen Revolution erschien le terreur – das Verbreiten von Schrecken durch den Staat – als notwendiges und dauerhaftes Beiwerk einer tugendhaften Gesellschaft. Für fundamentalistische Terroristen ist der Terror Mittel zum Zweck auf dem Weg zu einem Endziel. Als nichtstaatliche Akteure streben sie über den Terror eine Weltordnung voller islamistischer Staaten an. Robespierre wollte Aufklärung per Terror und ließ Kirchen zu Pferdeställen umbauen. Die Dschihadisten wollen ihre Version von Allah per Terror installieren und Aufklärung per Terror abschaffen. Obwohl der Blick ins Geschichtsbuch sie lehren kann, dass Terror bei der breiten Bevölkerung so wenig attraktiv ist, dass er seine Ziele verfehlt und sie sogar ins Gegenteil umschlagen lässt.

Morgen ist es vier Jahre her, dass Mohammed Atta und andere die Twin Towers und das Pentagon attackierten, um als fliegende Massenmörder Mimikry mit Gott zu treiben. Seither leben wir mit der Angst vor dem Terror, der 2004 mit den Madrider und 2005 mit den Londoner Anschlägen auch nach Europa kam. Kaum etwas kam den Hardlinern der Anti-Aufklärung nun mehr zupass als der Hurrikan Katrina in den amerikanischen Südstaaten. Ihren selbsterschaffenen, kapitalen „Satan Amerika“ scheint aus Allahs Hand ein Unheil zu ereilen, wie eine Strafe Gottes. In New Orleans wird nicht mehr Musik gemacht, die Bewohner mussten flüchten. Auch einige amerikafeindliche Interpreten des Westens haben für New Orleans und Louisiana eine Racheversion parat: Die Flut sei eine Folge der mangelnden Achtung Amerikas für Klimaschutz und Schöpfung. Beide Fehlinterpretationen folgen der jeweils eigenen Weltbildlogik. Denn die Welt ist nicht nur alles, was der Fall ist, sondern auch, was der Zufall ist. Und Kontingenz lässt sich so wenig abschaffen wie Fortschritt.

Das New Yorker World Trade Center, mächtiges Symbol für den Handel aller mit allen, stand als Provokation in der Landschaft der islamistischen Zeitgenossen, in einer Stadt, die Zukunft und Fortschritt signalisiert wie kaum eine andere. Wo es Hunderte von Nationen, alle Hautfarben, Dutzende von Religionen, Tausende von Geschäften, Banken, Kinos und Theatern, Konzerten und Debatten gibt, da ist Tag und Nacht eine demokratische, postethnische, säkulare Gesellschaft am Werk, die jeder puristischen, hermetischen Herrschaftsfantasie Hohn spricht.

Und die ganze Welt ist ja dabei, auf viele unterschiedliche Weisen New York zu werden. Der Terror agiert in diesem Prozess, der den Namen Fortschritt trägt, als ein wütender Bremsversuch, als verzögerndes Element. Worum und wohin es geht, auf dem Weg der globalen Demokratisierung und zu den Menschenrechten, das ist gewiss. Gegen diese Wahrheit bäumt der Terror sich in Selbstverblendung auf, trifft die Gruppen, die ihn generieren ebenso wie die Gesellschaften, die er aufs Korn nimmt. Und hat doch nur das primitivste aller Mittel zur Hand: Angstproduktion.

Angesichts dieses Wunsches nach der Herstellung von Angst – also der Verengung der Psyche und der von ihr ausgelösten Regression – hilft, neben einer umsichtigen Exekutive und Legislative, vor allem die demokratische, erhellende Analyse und Debatte. Ursachen und Wirkungen müssen uns transparent vor Augen sein, wenn wir in einer Flut das Naturdesaster sehen wollen, das sie ist, und im Terrorismus die politische Perversion, die er bedeutet. Und das auch dann, wenn es um die staatlichen und behördlichen Versäumnisse beim Umgang mit Bedrohungen geht. Wenn es etwas gibt, was wir im Augenblick brauchen, dann ist es die zivile Liebe zur aufgeklärten Demokratie und zu all denen, die sich nach ihr sehnen.

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