Kultur : Angst essen Zukunft auf

Zugegeben: Etwas irritierend, wenn nicht gar grässlich, wirkten einige der Objekte schon. Eine Parade "typischer" starker Nasen zum Beispiel, ein weißer Weihnachtsbaum mit Barbra-Streisand-Davidsternen oder eine provokante Skulptur des "ethnischen Körpers" aus Schuhen und Gebissen. Insofern schien die Spaltung des Publikums vorhersehbar. "Alles wunderbar, aber es ist schändlich, dass dem Holocaust so wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird", bewertete eine brasilianische Besucherin des Jewish Museum New York die "Too Jewish? Challenging Traditional Identities" betitelte Ausstellung. "Faszinierend! Verstörend!" notierte ein Rabbiner. Ein Besucher schnaubte: "Habe noch nie im Leben so ekligen Müll gesehen", der nächste jubelte: "Ich wünschte, ich wäre jüdisch". Das war 1996; doch vor wenigen Wochen erst hat der Kurator von "Too Jewish", orma Kleeblatt, mit seiner aktuellen Kunstausstellung zur Shoa wieder einen Fast-Eklat im Jewish Museum produziert. Diesmal ist man den empfindsameren Museumsgästen durch Warnschilder entgegengekommen, doch zensiert wurden Kleeblatts Ausstellungen in New York nicht.

Und nach Deutschland ist "Too Jewish?" nie eingeladen worden. Deutschlands Norman Kleeblatt heißt Bernhard Purin. Er leitet das Jüdische Museum Franken, ist allerdings Katholik: Weshalb sich die bald nach der Museumseröffung im Jahr 1999 erhobenen Vorwürfe, der Direktor des Doppelhauses in Fürth und Schnaittach lasse es an Sensibilität gegenüber dem jüdischen Glauben fehlen, nicht nur auf seine Dauerausstellung beziehen, die den Holocaust angeblich wenig berücksichtige. Aus Jüdischen Gemeiden der Region kommen die Vorwürfe. Dahinter steht die Frage: Soll ein Jüdisches Museum eher Gedenkstätte sein - oder ein Ort, an dem sich auch lebende Generationen freimütig ihre Geschichten erzählen? Purin hat den Kopf nicht eingezogen. Nun scheiden sich aufs Neue an seiner jüngsten Wechselausstellung "Feinkost Adam" (siehe Tsp. vom 13. 4.) die Geister. Heute beschließt der Trägerverein des Museums, an dem Stadt und Landkreis beteiligt sind, ob "Feinkost Adam" abzubauen sei: Das jedenfalls hat dem Bezirkspräsidenten und Vorsitzenden des Museumsvereins vorgestern ein Brief aus dem Zentralrat der Juden nahegelegt.

Die satirische Schau der Berlinerin Anna Adam illustriert in Fürth mit pseudokommerziellen Produkten zur interkulturellen Alltagsgestaltung die Vermarktung des Jüdischen, durch Juden und Nichtjuden. Fragwürdig an ihrem Werk ist seine trashige Selfmade-Anmutung; industrielles Fließband-Design hätte der Idee eher entsprochen. Kritisiert jedoch wird "Feinkost Adam" ideologisch, nicht aus ästhetischen Gründen. Der als Supermarkt-Flyer hergestellte Katalog-Prospekt verstärkt diese Reaktion: Er spitze, so Adam selbst, den Ausstellungsansatz, die Schärfe der distanzierten Ironie, noch zu, während dem Besucher vor Ort eher "das Lachen im Halse" stecken bleibe. Lediglich auf Grund der Prospektlektüre aber begründen die Kritiker, von einigen Rabbinern bis zum Zentralratsvorsitzenden Spiegel, ihre Ablehnung. Man wittert Antisemitismus. Ein lokalpolitisches Interregnum steigert zudem die Intrigenlage; die lokale CSU samt Innenminister Beckstein entdeckt ihre Chance, als Retterin konservativer Juden Ethno-Punkte zu sammeln. Und der akute Diskurs zur Solidarität mit Israel liefert Zusatzmunition. Keiner wage, an dem Nachkriegssystem der geduckten Übereinkunft zwischen Juden und Nichtjuden zu rütteln, sagt Anna Adam. Die deutsch-jüdische Krankheit! Das sei ihr Thema. Doch mit soviel vorauseilender Panik haben wohl weder sie noch Bernhard Purin gerechnet. Zensur?

Fürth ist wohl nicht New York: In Deutschland essen Angst Zukunft auf. Dabei hätten wir uns noch sehr viel zu erzählen.

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