Kultur : Angst-Klausur

Berlins Theater dürfen wieder ums Überleben bangen

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Alice Ströver ist noch ganz angetan: Die Vorsitzende des Kulturausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus ist gerade von einem Arbeitsbesuch in Wien zurückgekehrt. Mit ihren Parlamentskollegen hat sich die GrünenPolitikerin in der österreichischen Hauptstadt angeschaut, wie eine Bühnen-Holding funktioniert. Was Kultursenator Thomas Flierl für Berlins Opern vorschlägt, ist in Wien schon Realität: Staats- und Volksoper sowie Burgtheater wurden zu einem Großunternehmen, dessen Abteilungen kooperieren, das aber im Bereich der Werkstätten auch Aufträge von außen akquirieren kann.

Das klappt, erklärt Ströver, weil in Österreich die Politik die Bedeutung der Kultur nie in Frage stellt. Trotz der „Deckelung“ des Wiener Haushalts wurde dem Kulturressort jetzt eine Steigerung von zwei Prozent zugestanden. Wenn in Wien Kulturinstitutionen Gelder abgenommen werden, so wie gerade bei den dortigen Festwochen geschehen, stecken meist inhaltlich-politische Meinungsverschiedenheiten dahinter: dem konservativen Kultur-Staatssekretär Franz Morak (ÖVP) ist das Festival im sozialdemokratisch regierten Wien ein Dorn im Auge. Also strich er für die laufende Saison 360000 Euro Landeszuschüsse. „Kulturkrieg“ nannte das Festwochen-Chef Luc Bondy.

In Berlin ist man da liberaler – so lange das Geld reicht. Finanzsenator Sarrazin schlägt zu, ohne Rücksicht auf künstlerische Profile, Potenziale und Tradition. Er will notfalls auf Theater verzichten, die sich rechtlich nicht wehren können. Regelmäßig müssen staatlich finanzierte, aber privatrechtlich organisierte Bühnen ihre Zuwendungsverträge mit dem Land erneuern. Im Fall von Schaubühne, Berliner Ensemble (BE) und Friedrichstadtpalast wird dies 2004 fällig. Der beste Zeitpunkt, um sich von diesen Subventionsempfängern zu trennen, findet Sarrazin. Das wird er nach Tagesspiegel-Informationen am kommenden Wochenende bei der Haushaltsklausur den Koalitionären sagen. Kultursenator Flierl dagegen will 2004/05 eine Erhöhung für beide Theater durchsetzen: Erhält die Schaubühne nämlich nicht 0,9 Millionen Euro mehr, lässt sich das Tanztheater von Sasha Waltz dort nicht länger finanzieren. Und stimmt der Lottobeirat im Juli nicht den beantragten Zuschüssen fürs BE zu, will Direktor Claus Peymann gehen. Mit verbindlichen Vorgaben wird die Klausur noch nicht enden. Wohl aber wird sie ein Stimmungsbild zeichnen, wie Rot-Rot zur Kultur steht. Bis zum 24. Juni, wenn der Doppelhaushalt ins Parlament muss, bleibt dem Kultursenator nur die Hoffnung auf den Bund und einen neuen Hauptstadtkulturvertrag – unterschrieben mit Wiener Blut. F. H.

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