Kultur : Angst vor der Greisin - in Claude Millers Film darf gelacht werden

Christina Tilmann

Das Gesicht ist angespannt, grünblass, die schönen Lippen sind in den Mundwinkeln weh verzogen, hinter den aufgerissenen Augen lauern Schmerz und Angst. Ja, so stellt man sich Kopfschmerz vor, dauernden, quälenden Kopfschmerz, so wie dieses Gesicht von Anne Brochet. "Pocht es, hämmert es oder ist es ein diffuses Gefühl?", fragt sie der behandelnde Arzt. "Alles zusammen" ist die verzweifelte Antwort. Sechs Monate dauert dieser Zustand schon, und Claires ganzer Körper ist ein einziger Nerv, reagiert auf die leiseste Berührung, schon auf einen Luftzug mit Ohnmacht oder Übelkeit.

Kaum zu glauben, dass mit diesen Bildern eine Komödie beginnt. Die Studentin Claire, die sich wegen ihrer Kopfschmerzen in eine neurologische Klinik einweisen lässt, landet wie im Tollhaus. Ihr Zimmer teilt sie mit einer dauerfernsehenden, dauerschwatzenden jungen Frau und einer mysteriösen Alten, die regungslos in ihrem Bett liegt. Ihr Arzt erscheint ihr alles andere als vertrauenswürdig, das Pflegepersonal lässt es an Sorgfalt deutlich fehlen. Wie aus Claires Angst und Not zunächst Zorn und Überdruss, dann Übermut und Lebenslust werden, ist ein Prozeß, der zu einem Großteil der unwürdigen Greisin im Nachbarbett geschuldet ist.

Denn dass diese Alte so hilflos nicht ist, zeigt schon der verschwörerische Blick, mit dem die Theaterschauspielerin Annie Noël die Welt betrachtet: Sehr genau weiß sie ihre Hilflosigkeit einzusetzen, reckt neugierig den langen Hals und kneift die Lippen zusammen, wenn sie sprechen soll. Für Claire ist sie zunächst das Schreckgespenst, das sich nachts im Bett aufsetzt, durchs Zimmer geht und auch schon mal ins Bett nebenan steigt. Den Kampfgeist, die Unabhängigkeit der anderen zu erkennen, fordert der mit sich beschäftigten Claire einen Sieg über die eigene Angst ab: Das ist Heilung.

Siri Hustvedt, die amerikanische Schriftstellerin, nach deren Erzählung "The Blindfold" der französische Regisseur Claude Miller seinen Film "La chambre des magiciennes" drehte, liebt Geschichten, deren Protagonistinnen Krankheit als Alarmsignal erfahren - und als ersten Schritt zur Freiheit. Sie erzählt sie in einem fiebrigen, gespannten Ton. Claude Miller hat es leichter genommen, die komischen Aspekte hervorgehoben: "Drame comique" nennt er seinen Film und trifft damit die Fallhöhe zwischen dem Ernst der Lage im Krankenhaus und der unvermeidlichen Situationskomik. Keine Sekunde verrät er seine Charaktere und ihre Leiden an das Vergnügen des Betrachters und weiß ihre Sorgen doch auf freundliche Weise zu relativieren. Ja, man darf lachen.Heute 21 Uhr (Royal Palast), morgen 17.30 Uhr (International)

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