Kultur : Angst vorm Klingeln

Kathrin Rögglas „Draußen tobt die Dunkelziffer“ am Gorki Theater

Christine Wahl

Geknickt steht der entscheidungsschwache Rentner an der Rampe und beichtet uns sein Versagen an der Mobilfunkbranche: Ausgezogen, ein Handy zu kaufen, kehrte er gleich mit drei Knebelverträgen zurück. Seine Gattin steuert das Ihrige zur Privatinsolvenz bei und schleppt so lange heran, was der Versandhauskatalog per Ratenzahlung hergibt, bis das Ehepaar vollends den Überblick übers Abstotterungsmanagement verliert.

Die Autorin Kathrin Röggla, die schon aus Flugangstseminaren, Werbebranchlern oder dem workflow der New Economy erfolgreiche Literatur herausholte, hat diesmal im Umkreis von Schuldnerberatungen recherchiert und das, was ihr Gläubiger, Kaufsüchtige und Angehörige ins Gerät diktierten, zu einem kunstfertigen Textmosaik mit ambitionierten Pointen veredelt. Die wahren wirtschaftlichen Verhältnisse im Land – so will uns ihre lose Szenenfolge „Draußen tobt die Dunkelziffer“ sagen – sind der gezielten Verschleierung anheim gefallen. Und anders als der Uraufführungsregisseur Schorsch Kamerun, der das Auftragswerk fürs Volkstheater Wien und die Wiener Festwochen letztes Jahr als Unterhaltungsshow nach dem Vorbild amerikanischer TV-Gottesdienste inszenierte, hat Stephan Müller die tobende Dunkelziffer jetzt am Maxim Gorki Theater ganz wörtlich genommen. Die ersten beiden Sitzreihen sind komplett mit uniformen Anzugträgern besetzt, die Schlag halb acht auf die ein Betongemäuer zitierende Bühne (Hyun Chu) stürmen, die Moritat von der „Sozialhilfefamilie“ herunterorgeln, wechselweise in liturgisches Summen verfallen oder unter Trommelwirbel zu einer Art Ausdruckstanz ansetzen und uns sagen sollen: Du bist die „Automatenoma“, du bist das „Kreditkartenkind“, du bist der „Stromabsteller“, du bist die „Dunkelziffer“.

Das aber ist leider ein Irrtum. Denn die wechselnden Grüppchen, die sich aus der mausgraubraunen Versammlung herausschälen und so etwas wie ein Schicksal anreißen, eine Therapiestunde für „Spontankäufer“ nachspielen oder ein lustiges Axtschwungprogramm zur Testosteronkanalisierung für Schuldeneintreiber absolvieren, bleiben nicht nur auf Distanz, sondern leider auch ziemlich im Klischee stecken. So erfahren wir beispielsweise, dass der Sachse an und für sich auch im Jahre siebzehn nach der Wiedervereinigung noch nicht kapiert hat, wie das mit der Soll-und-Haben-Seite auf seinem Kontoauszug gemeint ist. Und wie die konsumgeile Jugend arglos in die Handyschuldenfalle tappt, das geben dann Ursula Werner und Rainer Kühn mit angemaltem Schnauzbart und grenzdebilem Opalachen zum Besten. Zwischendurch rastet immer mal wieder ein Schuldenopfer aus und schreit, dass es nicht kriminell sei, während fiese Banker dazu ein Pokerface machen und böse Krankenschwestern sich betont heuchelnd an der Existenzangstneurose ihrer Patienten weiden. So hebelt sich das Konzept vom Einheitschor, der ja gerade die fließenden Grenzen zwischen Schuldnern und Gerichtsvollziehern, Top Dogs und Underdogs suggerieren wollte, selber aus.

Noch problematischer aber ist, dass sich Müller offenbar nicht entscheiden konnte, ob er Rögglas Kunstsprachentext als Komödie oder als Tragödie lesen will. So kapriziert er sich nicht etwa auf die Kunst der Tragikomödie, sondern auf einen schnöden Schlängelweg. Da gibt der krachlederne Kasperkopf der düsteren Besorgnisträgerin die Klinke in die Hand. Bald wird man das Gefühl nicht mehr los, es könnte in jedem Moment auch genau umgekehrt sein, und es beschleicht einen die Langeweile.

Wieder am 28. Februar sowie am 11., 16. und 30. März, jeweils 19.30 Uhr

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