Anhalter Bahnhof : Ein Gedicht für Obama

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In Washington ist Ballsaison. Man tanzt, speist, kleidet sich, wenn der Präsident vereidigt wird. Inauguration heißt das Zauberwort, es lässt sich nicht übersetzen. So viel Nationalgefühl und Supermachtstolz schwingt mit.

Dieses immer wieder junge Land ist zugleich die älteste Demokratie der Welt. Daran erinnert jetzt auch Steven Spielbergs Kinoepos „Lincoln“ mit seinen exzessiven parlamentarischen Saalschlachten – und den Tricksereien im Hinterzimmer, wo die entscheidenden Stimmen für die gute Sache gekauft werden, die Abschaffung der Sklaverei. Nicht viel anders lief es hundert Jahre später bei John F. Kennedy, und mit mysteriösen schwarzen oder weißen Löchern hat Bush junior Al Gore die Wahl geklaut. So ist das in den USA, und nicht nur da. Republiken tendieren nun mal zu Bananen. Der Unterschied zu Diktaturen ist, dass demokratisch verankerte Nationen sich erholen, neu erfinden.

Daher rührt die Magie jener Inauguration am kommenden Montag. Es geht um Aufbruch, Vergewisserung, um den Spirit der nächsten vier Jahre. Und um schöne Bilder. Barack Obama schwört zum zweiten Mal den Amtseid. Das Land ist nach der Wahl fürchterlich gespalten, der Streit um den Haushalt und die Waffengesetze zeigt es dramatisch. Und dennoch: Wer wird sich dem Sog des Augenblicks entziehen, wenn Michelle und Barack Obama auftreten? Die Zeremonie ist fein orchestriert, der Präsident hat die Künstler mit ausgewählt. Beyoncé wird die Nationalhymne singen. Kelly Clarkson (der Casting-Star aus „American Idol“) trägt „My Country, Tis of Thee“ vor. Und der gute alte James Taylor nödelt „America the Beautiful“. Da ist für viele was dabei.

Die größte Aufmerksamkeit gilt Richard Blanco, dem „Inaugural Poet“. Was wird er sagen, wie die Stimmung des Tages prägen? Blanco ist Sohn kubanischer Eltern, in Spanien geboren, in Florida aufgewachsen; eine US-Biografie. Blanco ist mit 44 Jahren der jüngste Dichter, der je auf dem Capitol sprach, und der erste Latino, der erste schwule Mann, dem diese Ehre zuteil wird. Damit ist viel gesagt, sehr viel. Barack Obama, der erste schwarze US-Präsident, setzt Zeichen. Because he can. Daraus können Wunder werden. Rüdiger Schaper

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