Anhalter Bahnhof : Flötentöne im Holunder

Literatur und Musik sind von ihrem wunderschönen Gesang fasziniert, der jetzt wieder im Morgendämmer ertönt - die Amsel.

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Schwarz auf weiß. Ein Amselmann im Schnee.
Schwarz auf weiß. Ein Amselmann im Schnee.Foto: Tim Brakemeier/dpa

Horch, ein Vogel singt. Aus voller melodiöser Kehle. Kaum, dass sich die Konturen der Stadt aus dem Morgendämmer schälen. So süß und wundersam sind diese modulierten Flötentöne, dass sie direkt in die schlagartig frühlingsfroh erhellte Seele fahren. Ist das die Nachtigall oder doch die Lerche? Aber nein, da oben im Holunderbusch am Neuköllner Schifffahrtskanal hockt eine Amsel. Schwarze Silhouette im zart sprossenden, noch nackten Geäst, den orangefarbenen Schnabel keck in die Welt gereckt.

Die Amsel, auch Schwarzdrossel genannt, gehört neben Buchfink und Sperling hierzulande zur weitverbreitetsten Vogelart. Vor 150 Jahren noch ein scheuer Waldvogel, gefällt es der Kulturfolgerin inzwischen in Berlin so gut, dass sie kaum noch ihr Los als Zugvogel erfüllen mag. Und der Lyriker, der da oben manchmal 30 Minuten lang um die 30 Motive variierend eine Strophe nach der anderen singt, das ist der zukünftige Mann einer graubraunen, deutlich schweigsameren Amselin.

Amseln sind Europäer. Auf keinem anderen Kontinent sind sie so flächendeckend vertreten. In Schweden wurde die Amsel gar zum Nationalvogel gekürt. Eine große, in der Literatur wie Musik vielfach gewürdigte Künstlerin, die sich bescheiden von Regenwürmern ernährt und auch im äußeren Erscheinungsbild so gar kein Gewese um ihre sängerischen Fähigkeiten macht. Obwohl sogar schon in „Brehms Tierleben“ steht, dass die Lieder der Amsel so feierlich dahinfließen wie Kirchengesänge. Lieder? Ja, können Vögel die denn? Amseln jedenfalls sind unwissend wissende Flötistinnen. Sie singen in Tonarten, Dreiklängen, wechseln von Vierteltönen auf Achtel und Sechzehntel und haben vor ein paar Jahren anlässlich einer Handy-Kunstaktion in Bonn sogar Beethovens „Ode an die Freude“ auf ihre Weise interpretiert. Ihr ästhetischer, an Menschenmusik denken lassender Gesang hat Musikwissenschaftler wie Philosophen und Komponisten fasziniert. Ja, sogar ins Notensystem haben sie ihn transkribiert.

Dass Vögel Kunst fabrizieren, sich über den Reviergesang hinaus in freiem Ausdruck üben, ist eher unwahrscheinlich. Aber tolle Töne, die können sie singen. Die machen das Wesen der Amsel ebenso wie das des Menschen aus. So wunderschön ist die Amselmusik, dass selbst Menschen Musik über sie machen. Oliver Messiaen hat der schwarzen Amsel mit „Le Merle noir“ ein Kammermusikstück gewidmet. Paul McCartney eine zauberhafte Ballade „Blackbird“ genannt und Georgette Dee singt das „Amsellied“: „Die Amsel schwarz, ihr Lied aus Silber“.


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