Animationsfilm : Prinzessin der Sümpfe

Zurück an den Zeichentisch: "Küss den Frosch" reanimiert den Animationsfilm. Ein Besuch in den Disney-Studios.

Martin Schwickert
Disney
Die grüne Verführung. Die Farben sind mit dem Pinsel gemalt, die Figuren per Hand gezeichnet, das verleiht ihnen Charakter. -Foto: Disney

Als John Lasseter die künstlerische Leitung der „Disney Animation Studios“ übernahm, ließ er alle Wände einreißen. „Es gab keinen Kommunikationsfluss. Wir haben jetzt Bereiche geschaffen, wo sich die Leute treffen können.“ Einer davon ist die „Frosch-Bar“, wo alles aussieht wie im New Orleans der zwanziger Jahre. Dort spielt der neue DisneyMärchenfilm „Küss den Frosch“, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt. Laternen, Straßenschilder, verzierte Fassadenteile und Bistro-Bestuhlung erinnern an das French Quarter; Masken, Trommeln und Trompeten an den Karneval Mardi Gras. Zwei lebensgroße Alligatoren schauen von der Decke herab, an den Wänden hängen Figurenentwürfe und Hintergrundmalereien. Am Nachmittag sitzen in der „Frosch-Bar“ Zeichner mit ihren Blöcken und rufen sich gegenseitig Ideen zu.

Die informelle Kommunikation, davon ist Lasseter überzeugt, ist die Voraussetzung für die Kreativität, auf die ein Animationsstudio angewiesen ist. Lasseter muss es wissen. Er gehört zu den Pionieren der Digital-Schmiede Pixar, die mit Filmen wie „Toy Story“, „Findet Nemo“, „Ratatouille“ oder „Die Unglaublichen“ technisch, ästhetisch und kommerziell neue Maßstäbe gesetzt hat. Das Studio in Nordkalifornien, das von Apple-Chef Steve Jobs gegründet wurde, setzte den Disney-Konzern, der bis dahin im Trickfilmbereich seit Jahrzehnten seine Marktführerposition behauptete, massiv unter Druck. Bereits 1991 handelte man deshalb einen Kooperationsvertrag aus, doch erst mit dem Abgang des Disney-Managers Michael Eisner kam 2006 eine Einigung zustande. Offiziell hat Disney die Pixar-Studios für 7,4 Milliarden Dollar übernommen, dafür rückte Jobs in den Aufsichtsrat und kaufte sich als größter Privataktionär in den Konzern ein. Gleichzeitig wurde dem Pixar-Mann Lasseter die kreative Leitung über das fusionierte Unternehmen übertragen.

In den Disney-Studios in Burbank nordwestlich von Hollywood wird Lasseter als Befreier gefeiert. Gleich zu Beginn rief er die Rückkehr zum handgezeichneten Animationsfilm aus. Im Jahr 2004, erinnert sich der Zeichner Marshall Toomey, hatte der damalige Konzernchef Eisner die fast achtzigjährige Zeichentricktradition des Hauses beendet. Fortan sollte nur noch am Computer im 3-D-Verfahren animiert werden. Hunderte Zeichner, die teils über dreißig Jahre im „MouseHouse“ gearbeitet hatten, wurden entlassen, und die alten Zeichentische wanderten in ein Lagerhaus.

„Das war eine sehr traurige Zeit. Da wurde eine Kunstform zu Grabe getragen“, sagt Toomey. Nur einige der Zeichner ließen sich auf Computeranimation umschulen. Andreas Deja versuchte es: „Ich hätte das lernen können, aber es machte keinen Spaß. Der Computeranimation fehlt das Unperfekte, die künstlerische Handschrift.“ Der in Dinslaken aufgewachsene Deja ist das, was Lasseter in seinem forcierten PR-Jargon den „geborenen Animator“ nennt. Bereits mit zehn Jahren schrieb er an Disney, um zu fragen, wie man Animator wird. Nach dem Grafikstudium in Essen ging er dann 1982 nach Los Angeles, wo er an „Arielle – die Meerjungfrau“, „Aladdin“ und „König der Löwen“ mitarbeitete.

Aber auch Deja war nach der Hiobsbotschaft schon dabei, seine Kartons zu packen, als Gerüchte aufkamen, dass die neue Studioleitung zum Zeichentrickfilm zurückkehren will. „Die Hauptsache ist“, sagt Deja, „dass mit John Lasseter ein Animationskünstler das Studio leitet. Lasseter arbeitete selbst als Zeichner bei Disney, bevor er später zu Pixar ging. Man redet nicht mit einem Manager, sondern einem Künstler. Das bringt eine große Klarheit in die Kommunikation.“ Dem alten Management, so ergänzt Toomey, habe man immer wieder die Arbeitsprozesse erklären müssen. „Dass ich meinem Vater klar machen muss, was ,Clean Up‘ bedeutet, ist okay. Aber Eisner sollte das als Boss eines Animationsstudios wissen.“

Und was bedeutet „Clean Up“? Es ist ein Schritt im Produktionsablauf, der von der Idee, dem Skript, dem ersten Storyboard, über die Figurenentwürfe bis zum Zeichnen der einzelnen Szenen führt. Ein Film läuft mit 24 Bildern pro Sekunde durch den Projektor. Das heißt: Für eine Sekunde Film müssen 24 Zeichnungen angefertigt werden. Bis zu 500 Zeichner und Hintergrundmaler arbeiten daher Hand in Hand. Ein Ameisenheer mit klarer Hierarchie. Der Chefzeichner legt mit sieben bis zehn Zeichnungen die Grundzüge einer Bewegung fest, Assistenten und sogenannte „In-Betweeners“ besorgen den Rest. Bevor die Zeichnungen eingescannt werden, kommt das „Clean Up“, wo überprüft wird, ob die Linienführung übereinstimmt und die Bewegungen geschmeidig sind. Im Daumenkinoverfahren lässt Toomey die Blätter des Blocks herunterrattern und fragt: „Ist sie nicht schön?“

Gemeint ist Tiana – die erste afroamerikanische Prinzessin im Disney-Universum. Sie hatte im Vorfeld hitzige Debatten ausgelöst. Die einen feierten Tiana als kulturhistorischen Meilenstein, den anderen war sie nicht schwarz genug.

Für die Regisseure Ron Clements und John Musker ergab sich die Hautfarbe aus der Wahl des Handlungsortes. Lasseter hatte das New Orleans der Zwanziger als Location für die Disney-Version des „Froschkönigs“ vorgegeben, und da musste man natürlich die in Louisiana omnipräsente afroamerikanische Kultur einbeziehen. „Das war 2006, lange bevor Obama seine Präsidentschaftskandidatur ankündigte“, spricht Musker den Disney-Konzern vom Vorwurf des Opportunismus frei. „Dennoch“, betont er, „haben wir die kulturelle Signifikanz, die Tiana vor allem in der afroamerikanischen Community entwickelte, unterschätzt.“ Die Aufregung verwundert allerdings, weil Tiana nach einem missglückten Kuss zwei Drittel des Films als Frosch durch die Sümpfe Louisianas hüpft. Doch den Disney-Kinderfilmen wird in den USA eine kulturelle Leitfunktion zugesprochen.

Mit Jasmine in „Aladdin“, der chinesischen Mulan sowie der indianischen Häuptlingstochter Pocahontas hatte Disney sein Prinzessinnen-Arsenal bereits in den Neunzigern multikulturell aufgestockt. Aber mit Tiana betreiben Musker und Clements mehr als nur politisch korrekte Planerfüllung. Der Film feiert Jazz, Blues und den Gospel, lässt Voodoo-Zauberer gegeneinander antreten und verlagert das Finale ins Karnevalstreiben des Mardi Gras, wo die Identitäten kräftig durcheinandergewirbelt werden. Mit Anika Noni Rose („Dreamgirls“), Keith David, Jenifer Lewis, Terrence Howard und Talkshow-Queen Oprah Winfrey sind ein Großteil der Sprech- und Singrollen in afroamerikanischer Hand. Seit dem „Dschungelbuch“ hatte kein Disney-Film mehr Groove.

Ein frischer Wind weht durch das Disney-Universum. Sogar von der Liebe auf den ersten Blick rückte man ab. Tiana, die als Kellnerin arbeitet und davon träumt, ein Restaurant zu eröffnen, ist von dem aristokratischen Lebemann zunächst gar nicht entzückt. Erst als der verwöhnte Prinz sich als Küchenhilfe bewährt, werden die Blicke in die Froschaugen tiefer. Man sieht dem Film an, dass die Zeichner um die Wiederanerkennung ihrer Kunstform kämpfen. Die Hintergrundmalereien erstrahlen in einer Farbenpracht und Expressivität, die nur mit dem Pinsel herstellbar ist. Die kunstvoll stilisierten Figuren entwickeln eine charakterliche Originalität, wie man sie bei Disney lange nicht gesehen hat.

Über drei Jahre vergehen zwischen dem ersten Exposé und dem fertigen Film. Zwei Jahre haben die Zeichner hier mit ihren Figuren verbracht, die ihnen ans Herz gewachsen sind. Sie alle sind optimistisch, aber über die Zukunft ihres Gewerbes – das weiß hier jeder – entscheidet allein Tianas Erfolg an der Kinokasse.

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