Kultur : Ankunft Godot: Als das Leben ihn betörte

Michaela Nolte

Installationen und Videos, Zeichnungen und Manuskripte illustrieren eindrucksvoll Arbeitsweise und visuell geprägtes Denken der beiden KünstlerMichaela Nolte

Eine junge Frau trippelt über das weiße Quadrat und kichert verstohlen ihrem Begleiter zu, fordert ihn auf, mitzuspielen. Doch ihr Gegenüber auf der Bühne lauscht versunken den Klängen aus dem Kopfhörer und ignoriert ihre Einladung. Die Szene entstammt keinem Theaterstück über eine verkorkste Zweierbeziehung oder die Unfähigkeit zu kommunizieren, sondern ist aus dem Leben gegriffen. Die Bühne steht in der Wiener Kunsthalle, die Kopfhörer bringen Hörspiele von Samuel Beckett, und das Quadrat ist demjenigen aus Becketts gleichnamigem Fernsehspiel nachgebaut. Der große SprachChoreograph fehlt, dafür können die Besucher seine Inszenierung nicht nur am Monitor schauen, sondern im eigenen Körper spüren. In Becketts "Quadrat I + II" sind Worte auf das Wesentliche reduziert: ungehört klingen sie zwischen den ritualisierten Bewegungen der vier verhüllten Figuren.

Zwischen den Quadraten läuft Bruce Naumans Video "Slow Angle Walk". Auch der amerikanische Medienpionier widmet sich in seiner 1968 entstandenen Video-Performance Körper, Raum und Sprache; und nicht nur ihr Beiname "Beckett Walk" verweist auf das Vorbild. Die absurd verdrehten Winkel-Bewegungen, mit denen Nauman sein Atelier druchmisst, erscheinen wie eine Visualisierung der verbalen Hakenschläge Beckettscher Figuren.

Spätestens seit der "documenta X", wo "Quadrat I + II" zu sehen waren, weiß man, dass der irische Literatur-Nobelpreisträger auch Filme gedreht hat. Eingeweihten dürfte die Affinität Bruce Naumans zu Beckett ebenfalls bekannt sein. Doch die beiden Künstler gleichberechtigt in einem Museum zu präsentieren, erscheint kühn. Das geschickte Nebeneinander von so heterogenen Medien wie Installationen und Videos, Fotos und Objekten bis zu Zeichnungen und Manuskripten, macht die geistige Durchdringung der Werke dennoch sinnlich erfahrbar.

Selbst die Beckett-Dokumente in den Vitrinen sind so gewählt, dass sie seine Arbeitsweise und sein visuell geprägtes Denken illustrieren: Manuskripte, die wie Partituren anmuten, oder Notizbücher, deren Notate an skripturale Zeichnungen erinnern. Die Kargheit und Strenge, der vermeintliche Existentialismus des Theater-Erneuerers entfalten sich plötzlich als Geburt der menschlichen Tragödie aus dem Geiste der Komik und der Musik.

Überhaupt erscheinen die beiden Künstler in einem neuen Licht. So wirken Naumans Körperuntersuchungen der 60-er und frühen 70-er Jahre sehr viel theatraler, als man je eine Beckett-Inszenierung erinnern oder es in seinen minimalistischen Fernsehstücken in der Ausstellung sehen kann. Nauman-Videos wie "Wall-Floor Positions" oder "Tony und Elke" erinnern an Schauspielübungen à la Lee Strasberg - während die entrückten Menschen-Masken in Becketts "Was wo" wie Video-Puppen von Toni Oursler anmuten. Bis hin zu dem Video "Not I", das an Bruce Nauman erinnert. Der grellrot geschminkte Mund könnte von einem Nauman-Clown stammen. 1977 hat Beckett seinen Theaterstück "Not I" als Film inszeniert. Was das Gedicht "Flötentöne" noch ausspricht: " ... , als er sagen hörte / lange Zeit bleibe nun nicht mehr / das Leben ihn lächelnd endlich betörte / es zeigte lächelnd die Zähne her", gerinnt zum Bild visualisierter Sprache. Wie eine Erwiderung erscheint dazu Naumans kopfstehender Mund in dem Video "Lip Sync", in dem er in ruhigem Sprechgesang die körperliche Präsenz des Abwesenden beschwört. Unermüdlich umkreist er das Geheimnis menschlicher Identität und trifft doch immer wieder auf Godot.Kunsthalle Wien, bis 30. April

Katalog (Vice Versa Vertrieb) 33 Mark.

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