Kultur : Anleitung zum Bösesein

Der berühmteste fiese Amerikaner der Welt: Zum Tod des Schauspielers Larry Hagman.

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Natürlich, der Mensch will ein Gutmensch sein. Aber das ist verflixt schwierig, weswegen das Gutsein zumeist schon bei der Wahl des Fernsehprogramms endet. „Schwarzwaldklinik“, „Diese Drombuschs“, das ist richtig schlechtes Serienfernsehen, das in seiner Einfach-undSchlicht-Machart nur von „Hart aber herzlich“, von „Denver“ und „Dallas“ übertroffen wurde, allesamt aus den USA in die harmlosen 80er Jahre der Bundesrepublik herübergeschwappt.

Jede dieser Serien war ein Quotenkracher. Weil Archetypisches drinsteckt, Erklärmuster zur Zeit ausgelegt werden, das Leben und seine Umstände sich in eine TV-Inszenierung verkleiden. „Dallas“, sagte Larry Hagman, „zeigte die Arschlochseite des Kapitalismus.“ J. R. habe die Skrupellosigkeit des Systems, über die man sich heute wundert, immer schon gelebt. Hagman wusste, wovon er spricht, er hat J. R. gespielt, 357 Folgen lang von 1978 bis 1991, ein letztes Mal 2011.

J(ohn) R(oss) Ewing ist Texaner, Larry Hagman wird 1931 im texanischen Fort Worth geboren. Was da als Parallelität aufscheint, kommt Jahrzehnte später in „Dallas“ kongenial zusammen. Seine Eltern, die Schauspielerin Mary Martin und der Bezirksstaatsanwalt Jack Hagman, lassen sich früh scheiden. Larry Hagman bleibt bei Mutter und Großmutter, er folgt seiner Mutter auf die Theaterbühne, er dient während des Koreakriegs bei der Air Force (hauptsächlich als Entertainer auf den Basen in Europa), lernt seine große Liebe und einzige Ehefrau kennen, die schwedische Modezeichnerin Maj Axelsson. Sie heiraten 1954, zwei Jahre später kehren sie in die USA zurück.

1964 gibt er sein Kinodebüt. „Ensign Pulver“ heißt der Film, zusammen mit dem noch unbekannteren Jack Nicholson spielen sie zwei Matrosen im Pazifikkrieg. Sein Filmpartner weiht ihn in die Vorzüge von Rauschmittel ein, als überzeugtes Mitglied der „Peace and Freedom Party“ und mit selbst gemalten „Fuck War“-Transparenten protestiert Hagman gegen den Vietnamkrieg. Was nach einer Rebell-und-Outlaw-Zukunft, vielleicht nach New Cinema versus Altes Hollywoodkino aussieht, endet 1965 abrupt. Das Fernsehen holt sich Hagman, steckt ihn in eine Uniform: Captain, später Major Tony Nelson trifft auf die „Bezaubernde Jeannie“, einen attraktiven und eigenwilligen Flaschengeist. Barbara Eden spielt ihn in ihrem Bauchnabelkostüm so adrett (mit erotischer Unterströmung), wie Hagmans Astronaut schmuck ist. Dass Jeannie ihrem „Meister“ – holla! – jeden Wunsch erfüllen will, sorgt für Kapriolen, die der Nasa-Mann in Jack-Lemmon-Preislage geradezubiegen versteht. Sehr charmantes Fernsehen.

Fünf Jahre läuft die Serie. Seine Popularität kann Hagman nur in kurzlebigen Serien wie „The Good Life“ und einigen TV-Filmen kapitalisieren. 1977 beginnen die Dreharbeiten zu „Dallas“ – und damit die J.-R.-isierung von Larry Hagman. Die Fernsehsoap um die in Öl schwimmenden Ewings auf ihrer luxuriösen Southfork-Ranch ist beileibe kein Kommentar zur wirtschaftsliberalen Ära von Reagan und Bush senior, sie saugt daraus ihren dramaturgischen Honig. Mag der Vater von J. R. noch der fürsorgliche Patron gewesen sein, der älteste Sohn und jetzige Firmenchef ist eisenharter Konzernkapitalist. Ehefrau, Brüder und der Ewing-Rest werden benutzt, missbraucht, nur Miss Ellie, die Mutter, ist dem Egobuben heilig.

War Hagman bei seiner Jeannie noch der weichgesichtige Aufpasser, so gewinnt er jetzt andere Konturen: Bös’ glitzernde Schweinsäuglein unterm Cowboyhelm, Sätze werden rausgemeckert, das Eros der Macht zeigt sein fieses Gesicht. Die Zuschauer lieben es, weltweit. Männer wollen sein wie J. R. und schrauben sich die Initialen ins Nummernschild, Frauen glauben, sie könnten aus J. R. einen guten Menschen machen.

Rumäniens Diktator Ceausescu lässt die Serie ausstrahlen, um das Widerwärtige des US-Gesellschaftssystems vorzuführen. Die Rumänen schauen begeistert auf die schönen Autos, Kleider und Menschen. „Dallas“ hat Ceausescu besiegt, wird Hagman schlussfolgern. Ihn besiegt fast der Alkohol. Während J. R. Whisky kippt, köpft Hagman vier Flaschen Champagner am Tag. Das bringt dem zweifachen Familienvater eine neue Leber ein. Seine Frau kümmert sich um ihn, als Maj dement wird, kümmert sich Larry um sie. Eine große Liebe, grundiert mit Respekt und Witz. Major Nelson und Jeannie.

J. R. wird Hagmans Stigma. Er wird auch in Filmen wie „Nixon“ und „Primary Colors“ korrupte und korrumpierende Machtmenschen geben, kassiert Imagetantiemen, tritt bei der „Lindenstraße“ auf, ist multimediale Werbefigur für die Solarenergie, die er auf seiner kalifornischen Ranch selber erzeugt. In Film und Fernsehen J. R., im wahren Leben ein Konvertit: Gestartet als Republikaner, wird er durch den Vietnamkrieg zum Linken (soweit ein Texaner ein Linker sein kann) und später zum George-W.-Bush-Hasser. Der führe Amerika in den Faschismus, donnert er im Tagesspiegel-Gespräch. 2009 ist Bush Geschichte, 2011 dreht der Schauspieler wieder als J. R. Ewing.

Am Freitag ist Larry Hagman in einem Krankenhaus in Dallas gestorben, er wurde 81 Jahre alt. Was auf seinem Grabstein stehen soll? Bei J. R., sagte Hagman, sollte draufstehen: „Dieses ist der einzige Deal, den er je verloren hat.“

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