Kultur : Anleitung zum Erfolg

Hannah Kruse malt nicht mehr. Jetzt hilft sie anderen Künstlerinnen, sich durchzusetzen

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Sichtbar machen. Hannah Kruse arbeitet seit 2004 für das Berliner Künstlerinnenprojekt „Goldrausch“. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Sichtbar machen. Hannah Kruse arbeitet seit 2004 für das Berliner Künstlerinnenprojekt „Goldrausch“. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mit der eigenen Kunst haben sie abgeschlossen – eigentlich. Und deshalb nach ihrem Studium an einer Kunstakademie erst einmal andere Berufe ergriffen. Wie wichtig die Zeit im Atelier dennoch für sie gewesen ist und wie sehr einen die Erfahrungen mit Malerei, Skulpturen oder neuen Medien prägen, erzählt die Sommerserie der Seite „Kunst & Markt“.

E s beginnt in den Achtzigern. Ein Schloss, ein Fürst, traumhafte Bedingungen, riesige Wände, an denen gemalt werden konnte. Und eine sehr junge Studentin, der das bald alles nicht mehr so toll vorkommt. Hannah Kruse ist 18, als sie ihr Studium an der Kunstakademie in Karlsruhe aufnimmt. Auf dem Jagdschloss Scheibenhardt, einer Außenstelle der Kunstakademie, lehrten damals Markus Lüpertz und Georg Baselitz. Künstlerfürsten, die auf klassische Malerausbildung setzten und ein heroisches Künstlerbild propagieren, das in der Abrechnung mit den Vorvätern besteht. Kunst ist hier gleichzeitig ein allumfassendes Lebensmodell: Männliche Studenten, beobachtet Hannah Kruse befremdet, hätten bald begonnen, selbst den Gang des Meisters zu imitieren. Und es konnte durchaus vorkommen, dass Markus Lüpertz, der auch im Obergeschoss des Schlosses wohnte, abends durch die Ateliers strich und sich die schon grundierten Leinwände der Studenten holte. Wenn man protestierte, hieß es, er habe das gebraucht, ihn habe just die Eingebung gepackt.

Mit diesem genialischen und durchaus machistischen Künstlermodell, sagt Hannah Kruse heute, habe sie sich nicht identifizieren wollen. Zwar bricht sie das Studium nicht ab, sondern arbeitet weiter in den klassischen Techniken, macht großformatige, wandfüllende Zeichnungen, Linolschnitte, Drucke, Stickereien und Collagen auf Leinwand. Sie wechselt nach Stuttgart und an die Hochschule der Künste in Berlin, wird Meisterschülerin bei Baselitz, sieht den Meister aber kaum, sondern meistens seine Assistentin Christa Dichgans.

„Heute denke ich, sie hätte eigentlich Professorin in ihrem eigenen Recht sein müssen“, sagt Hannah Kruse im Rückblick. Aber die Frauen-Männer-Problematik ist in der damaligen Zeit durchaus virulent. Da kann Baselitz in einem Artikel schreiben, es gebe keine großen Künstlerinnen, außer Joni Mitchell, und als Hannah Kruse sich beim HdK-Präsidenten beschwert, sagt der, sie sei doch gar nicht persönlich betroffen. „Ich bin immer noch sprachlos, wie offen frauenverachtend man an der Hochschule damals war“, sagt sie heute. Immerhin waren schon damals sechzig Prozent der Studenten weiblich. Bei den Professoren sahen die Zahlen dann ganz anders aus.

Genau aus diesem Grund ist 1989 in Berlin mit „Goldrausch“ ein Projekt zur Unterstützung von Künstlerinnen entstanden, aktuell finanziert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen und den Europäischen Sozialfonds. Die Erfahrungen von Hannah Kruse während ihres Studiums sind ähnlich auch auf dem Kunstmarkt zu machen, heute genauso wie in den achtziger Jahren. Eklatant niedrigere Preise für Arbeiten von Künstlerinnen, deutlich weniger Präsenz auf Ausstellungen und in Sammlungen – noch Udo Kittelmanns Antrittspräsentation im Hamburger Bahnhof zeigte ein auffälliges Missverhältnis: 77 Positionen wurden vorgestellt, darunter waren gerade einmal fünf Künstlerinnen. Kein Einzelfall. Und das, obwohl längst niemand mehr bestreitet, dass es ebenso museumswürdige Arbeiten von Künstlerinnen wie von Künstlern gibt.

Hannah Kruse sagt über „Goldrausch“: „Wir wollen eine starke Lobby-Institution sein.“ Und setzt doch eine Ebene tiefer an. Nicht gleich der Durchzug durch die Institutionen soll es sein. Zunächst geht es darum, dass Künstlerinnen sich angemessen präsentieren lernen und von ihrer Kunst auch leben können. Workshops zu Steuern, Urheberrecht, zur Künstlersozialkasse oder dem Erstellen von Bewerbungsmappen und Websites gehören ebenso dazu wie die Diskussion in der Gruppe über die eigenen Positionen. 15 Künstlerinnen sind pro Jahr dabei, die Zahl der Bewerbungen liegt jedes Mal bei über 200. Am Ende steht, jeweils im November, eine Gruppenausstellung, die von einem schön gestalteten Katalog begleitet wird. In diesem Jahr wird man sich erstmals in zwei Berliner Galerien präsentieren. Die Bewerbungsfrist für das nächste Jahr läuft bis Ende August.

Hannah Kruse ist 2004 bei Goldrausch eingestiegen. Nach dem Studium hatte es sie erst einmal weg aus Berlin getrieben. Es war Mitte der Achtziger, die Zeit der wilden Malerei, mit der sie nicht viel anfangen konnte. Überhaupt spürte sie im damaligen West-Berlin und an der Hochschule der Künste eine gewisse Stagnation. Ihr fehlte die Theorie, der intellektuelle Austausch. Den findet sie in New York. Hier ist Konzeptualismus gerade aktuell, ein Ansatz, der wegführt von der großen Geste, die in Deutschland noch gefeiert wird. Hier findet sie als Künstlerassistentin schnell die Art der Auseinandersetzung, die sie bislang so schmerzlich vermisste: „Die Malerfürsten brauchten doch nur jemand, der ihnen die Leinwand grundiert.“ Und sie merkt, dass ihr der Umgang mit anderen künstlerischen Positionen wichtiger ist als die eigene künstlerische Arbeit. Der Schritt von der Künstlerin zur Vermittlerin ist getan.

Damals ist das alles andere als selbstverständlich. Künstler haben für gewöhnlich keine Assistenten, das Studium an der Hochschule ist überwiegend theoriefeindlich, sich während des Studiums Gedanken über Ausstellungsmöglichkeiten zu machen, war eher verpönt. Die Rettung ist ein Stipendium für curatorial studies am Whitney Museum, damals das Zentrum der Theoriebildung. Hier lernen die Stipendiaten, wie man Ausstellungen plant – jede Woche wird ein neuer Vorschlag geprüft und verworfen. Benjamin Buchloh ist der Mentor, ein Glücksfall für Hannah Kruse, die mit ihm auch das Thema „ein Deutscher in Amerika“ erörtern kann. Es folgt der Wechsel nach London, die Arbeit als Geschäftsführerin in einer nichtkommerziellen Galerie, der Kontakt zur britischen Künstler- und Kuratorenwelt. Irgendwann ist sie des Nomadendaseins müde, will zurück nach Berlin.

Heute leitet sie mit Birgit Effinger zusammen das Büro von Goldrausch, das in einem Pavillon von Walter Gropius im Hansaviertel residiert. Ihre Zeit als Künstlerin kommt ihr zugute, wenn es gilt, Künstlerinnen zu helfen, die Hemmungen zu überwinden, die viele bei der Präsentation und Vermarktung der eigenen Arbeit haben. Und doch macht es ihr mindestens ebenso viel Spaß, mit Zahlen, Tabellen, Anträgen und Strategieplänen zu hantieren. „Ich bin eine Netzwerkerin, jemand, der eher eine Situation herstellen will, in der andere agieren können, als dass es mir darum ginge, ein eigenes Statement abzugeben.“ Wenn Künstlerinnen nach Absolvierung des Goldrausch-Jahres merken, dass ihr Weg auch eher in der Kunstvermittlung liegt, gilt auch das als Erfolg. Als Schritt auf dem eigenen Weg. „Multiple Berufe sind längst etwas Selbstverständliches“, meint Hannah Kruse.

Als wir beim Gespräch vor dem Pavillon in der Händelallee, bei glühend heißen Temperaturen, unter hohen Bäumen im Schatten sitzen, kommt der Hausmeister der benachbarten Apartments. Das Sitzen auf dem Gras ist im Hansaviertel verboten, teilt er recht unwirsch mit, da sei nichts zu machen. Hannah Kruse handelt, geduldig und gelassen, eine Schonfrist von einer Stunde aus. Alles eine Frage der richtigen Kommunikation.

Goldrausch, Tel.: 39 06 38 63, mehr unter: www.goldrausch-kuenstlerinnen.de

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