Kultur : Anmerkungen zu einem philosophischen Abenteuer

Kerstin Decker

Schiller hält mit drohender Gebärde seinen Lorbeerkranz in Richtung Weihnachtsmarkthaupttribüne. Sie trägt die Aufschrift "125 Jahre Konsum in Weimar". Goethe und Schiller, eingeschlossen inmitten von Bratwurst und Zuckerwatte. Auf Weihnachtsmärkten versteht man philosophische Preisfragen am besten. "Die Vergangenheit von der Zukunft befreien?" Das hieße also: Goethe und Schiller von uns?

Manche nennen die Weimarer Weltessaypreisfrage trivial. Die kennen die Preisfragen der Darmstädter "Akademie für Sprache und Dichtung" nicht: "Schreiben nur noch Schriftsteller?" Nein, die Weimar-Frage "Die Zukunft von der Vergangenheit befreien? Die Vergangenheit von der Zukunft befreien?" ist viel besser. Natürlich nicht ganz so gut wie jene, die einst Rousseau beantwortete: Ob die "Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beigetragen" habe. (Rousseau beschied seiner Akademie mitten in der Aufklärung ein aufrichtiges "Nein!") Und Schopenhauer durfte noch Mitte des letzten Jahrhunderts über die Freiheit des menschlichen Willens nachdenken.

Das geht nicht mehr. Das Hauptproblem einer modernen Preisfrage ist entgegen der landläufigen Auffassung nicht die Antwort, sondern die Frage. Vor zwei Jahren schrieben die Zeitschrift "Lettre International", das Goethe-Institut und die "Weimar 1999 - Kulturstadt Europas GmbH" diesen Wettbewerb aus. Es war Dezember, genau wie jetzt. Da ging also ein Mitarbeiter des Goethe-Instituts über den Weimarer Weihnachtsmarkt, sah Goethe und Schiller in ihrer misslichen Situation ... Nein, stimmt nicht. Es war vielmehr so: Neunhundert Intellektuelle aus vier Kontinenten wurden in einem "zweistufigen Diskussionsprozess" gefragt, was man fragen könne. So kamen viele Frage-Antworten in Weimar an. Aber welche war die richtige? Also wählte man 113 aus und berief anschließend einen Kongress ein. Denn kann nicht nur ein richtig weltöffentlicher Kongreß entscheiden, was eine richtig weltöffentliche Frage ist? Vielleicht war das der allererste Fragesuchkongress der Geschichte. Und eine Kapitulation zugleich?

Etliche flogen raus. Etwa: "Dient die Informationsgesellschaft eher der Wahrheit oder der Lüge?" Das wäre die zeitgemäße Fortsetzung des Rousseau-Problems gewesen, aber darf man Noch-Nicht-Informationsgesellschaften solche Fragen stellen? Oder "Wird das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Frauen sein?" Sehr mißverständlich. Vielleicht haben wir alle nur eins gemeinsam. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Es gibt da noch ein Problem. Zwar sind in Weimar 2481 Essays aus 123 Ländern eingegangen - in sieben Sprachen, davon 37 in chinesisch. Aber die Frage wurde schon längst beantwortet. Letztes Jahr im Sommer in Amerika. Der Zeitschrift "The Nation" kam die in Weimar geforderte Länge von 10 500 Wörtern ein bißchen übertrieben vor, und sie sagte sich: Das geht doch kürzer! 500 Wörter, höchstens! Erster Preisträger wurde Woody Allen. Fand am Samstag im Hotel "Elephant" demnach eine zweite Preisverleihung statt?

Bernd Kauffmann, der Generalweimarbeauftragte, ist sich des Ernstes seiner Lage bewusst. Er hat noch mehr Ähnlichkeit mit André Glucksmann als sonst. Fliegendes Haar, scharfe Linien im Gesicht. Er erwähnt auch Woody Allen. Vereinzeltes Lachen im Saal. Ja, er trägt sogar dessen Preisfragen-Antwort vor ("Um die Zukunft von der Vergangenheit zu befreien, stelle man sich mit den Beinen etwa sechzehn Zoll auseinander auf. Jetzt nach vorn greifen, die Lasche fassen ... Ihre Zukunft sollte nun frei liegen ..."), um dann umgehend den zweiten Schritt zu vollziehen: Deconstructing Woody!

An dieser Stelle brechen wir aus der Chronologie der Ereignisse aus - immerhin haben wir bis hierher schon zwei Jahre Weltessaypreisgeschichte in knapp 100 Zeilen zusammengefasst - und betrachten im Folgenden die beiden preisgekrönten Arbeiten, die von Amerika und die von Weimar im Vergleich. Die Rezensentin gesteht, dass sie die Reihenfolge der Prämierung der ersten fünf Arbeiten genau umgekehrt hätte und insofern sehr froh ist, nicht alle zugelassenen 2203 Essays zu kennen.

Den ersten Preis in Weimar gewann die zwanzigjährige Moskauerin Ivetta Gerasimchuk für ihr "Wörterbuch der Winde". Das war eine souveräne Entscheidung der Jury, denn so wurde Weimar doch noch Sieger. Gegen eine Zwanzigjährige sieht Woody Allen einfach alt aus. Was soll man über "Das Wörterbuch der Winde" sagen? Es besitzt die Anmut seiner Verfasserin. Sein Witz ist leise, was von Allen nicht jeder behaupten würde. Schon wieder gewonnen! In Erstaunen setzt der Umstand, dass eine Zwanzigjährige Wörterbücher schreibt anstatt eigene nie da gewesene Theorien der Zeit, wie das mit zwanzig jeder tut. Ivetta Gerasimchuks kleine Enzyklopädie lebt aus dem Widerstreit der "Anemophilen" und der "Chronisten". Die Anemophilen sind die natürlichen Verwandten jener Lotosesser aus der "Odyssee", denen keine Stunde schlägt und für die sogar Adorno in der "Dialektik der Aufklärung" eine gewisse Symphatie bekundete. Im Zweifel für die Lotosesser! Ihr Widersacher sind die Chronisten, die mit dem Stundenglas in der Hand. Die Zeit frisst ihre Kinder, so wie Chronos, der Titan. Wie hätte man das ausführen können! Aber genau das machen Wörterbücher nie.

Wahrscheinlich entsprach Gerasimchuks Essay einfach der Vorstellung des Jurors Édouard Glissant (Martinique) vom neuen Denken als Fahrt durch einen Archipel. Immer neue Inseln tauchen vor uns auf und gehen wieder unter. Wir sind fasziniert. Wir fragen nicht mehr nach Zusammenhängen. Die Lotosesser hätten das auch so gemacht. Aber hätten sie den Welt-Essaypreis gewonnen? Vielleicht ging der zweite Platz deshalb an eine recht konventionell daherkommende philosophische Erörterung, aber mit internationaler Lösung: Die moderne Sprachphilosophie trifft die Weisheit des alten China und beide überwinden zusammen Hannah Ahrendt und die europäische Metaphysik. Denn worin begegnen sich älteste und neueste Philosophie? Am liebsten entlarven sie, was uns bewegt, als Schein. Die Zeit zum Beispiel.

Kafka träumte davon, einmal nicht mehr zerrieben zu werden zwischen Zukunft und Vergangenheit. Aus einer Zeitlücke zu springen und - einen Augenblick lang - zum Richter über beide zu werden: "Dazu gehört allerdings eine Nacht, so finster wie noch keine war." Diesen einzigen Triumph des bewußten Lebens - der amerikanische Rechtswissenschaftler und Vizepreisträger Louis E. Wolcher versteht ihn nicht mehr.

Und doch haben die Beiträge diesen ersten Weltessay-Preis gerettet. Vor allem vor sich selbst. Vor seiner Vagheit und Eitelkeit. Essay heißt Versuch. Seine Aktualität ist die des Unzeitgemäßen. Sollten wir an der Schwelle zum 21. Jahrhundert wirklich so weltlos und zeitlos sein, wie die beiden erstplatzierten Arbeiten nahelegen? Der Serbe Velimir Curgus Kazimir ("Häuser", 3. Preis), der Amerikaner Christophe Wall-Romana ("Metaschuld", 3. Preis) und Jean-Pierre Faye ("Die transparente Stadt", 5. Preis) haben einen Selbstversuch daraus gemacht. Sie haben getan, was die akademische Philosophie vermeidet. Sich selbst aufs Spiel setzen. Vergangenheit, Gegenwart und das Denken dazu. Und die Welt natürlich. Vor der Authentizität dieser Denkberichte verblasst selbst Woody Allens Zeit-Gebrauchsanweisung.

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