Anna Amalia Bibliothek : "Ich hab gedacht: Das war's"

Die Erinnerung an den Abend des 2. September 2004 lässt der Chefrestaurator der Anna Amalia Bibliothek auch gut drei Jahre später nicht los. Wie Matthias Hageböck die Brandnacht in Weimar erlebte.

Uschi Lenk
Amalia
Chefrestaurator Matthias Hageboeck ist stolz auf seine Arbeit an der Weimarer Anna Amalia Bibliothek. -Foto: ddp

WeimarEs war jene Nacht, als der Chefbuchrestaurator der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) ohnmächtig erleben musste, wie ein Kulturgut von unschätzbarem Wert in Flammen aufging. Er sei gerade nach Hause gewesen, als ihn ein in der Nähe des historischen Gebäudes wohnender Kollege angerufen und die Nachricht übermittelt habe. Für einen Moment habe er an einen schlechten Scherz geglaubt, bevor er zu seiner Arbeitsstätte geeilt sei.

   Dort sei so vieles auf ihn eingestürmt, erinnert sich der heute 42-Jährige. Da waren die Feuerwehrleute, die wissen wollten, welche der Bücher zuerst geborgen werden sollten. Doch erst kurz zuvor sei der ganz Rokokosaal intern auf der Prioritätenliste für Notfälle ganz nach oben gesetzt worden. "So konnten wir einfach nur greifen und retten." Schnell seien zwei Menschenketten gebildet worden. Doch immer wieder habe die Rettungsaktion gestockt, weil die Menschen draußen auf dem Platz versucht hätten, die wertvollen Schätze ordentlich zu stapeln. Reine Zeitverschwendung sei das gewesen.

"Als ob die Flammen die Luft aus dem Saal sogen"

Ein einziges Durcheinander habe vor Ort geherrscht. "Dabei stand da schon die Frage, ob wir überhaupt noch einmal in das Gebäude reingehen können, die Bücher eventuell aus dem Fenster schmeißen, wenn sich abzeichnen sollte, dass die gesamte Bibliothek abbrennt", erinnert sich Hageböck und streicht sich übers Gesicht, so als wolle er die Erinnerung verscheuchen.

Bei seiner Ankunft am Katastrophenort habe "nur eine leichte Rauchwolke" über dem mehr als 400 Jahre alten Gebäude gestanden. Doch im weltberühmten Rokokosaal erlebte der Buchrestaurator wie sich das Feuer immer neue Nahrung suchte: "Es war, als ob die Flammen die Luft aus dem Saal sogen. Das sah aus wie eine hellrote Flüssigkeit. So etwas habe ich noch nie gesehen." Die Anna Amalia Bibliothek werde oft als das literarische Gedächtnis Deutschlands bezeichnet. "Wir waren im Innern des Schädels dieses Wissens und haben die Amnesie hautnah erlebt", formuliert Hageböck den Verlust drastisch.

Denn inzwischen schlugen die Flammen über 20 Meter hoch aus dem Dachstuhl. "Ich hatte nur noch den einen Gedanken - das brennt ab, das war's." Der seit 1992 in Weimar wirkende gelernte Buchrestaurator befürchtete das Schlimmste. Irgendwann sei dann aber der Zeitpunkt gekommen, an dem "Denken das bloße Reagieren ersetzte". Am anderen Morgen sei klar gewesen, dass das Gebäude wieder aufgebaut und ein Teil der Bestände gerettet werden können. "Die Frage war nur, wie."

Restaurierungsarbeiten dauern bis 2015

Um Schimmelbildung an den von Wasser, Feuer und Hitze geschädigten 62.000 Büchern zu verhindern, mussten sie binnen 24 Stunden ins Zentrum für Bucherhaltung Leipzig, dort erst tief-, dann gefriergetrocknet werden. Ein aufwendiges logistisches Unterfangen, doch "alle haben gehandelt, obwohl überhaupt noch nicht klar war, wie das alles bezahlt wird", lobt Matthias Hageböck die Einsatzbereitschaft aller Beteiligten.

Inzwischen sind alle Bücher aus Leipzig nach Weimar zurückgekehrt, wurde ein Konzept für die Restaurierung des noch rettbaren wertvollen Schatzes erstellt, sollen ab 2008 jährlich etwa 4000 Bücher restauriert werden. Zwar wurde seine Werkstatt inzwischen um drei Mitarbeiter aufgestockt, die Restaurierungen aber werden über komplizierte Ausschreibungen extern vergeben.

Bis 2015 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Mehr noch als die finanzielle Absicherung von Restaurierung und Wiederbeschaffung der Bücher treibt den Chefrestaurator eine andere Befürchtung um. Nämlich die, dass angesichts der Wiedereröffnung des glanzvoll sanierten historischen Bibliotheksgebäudes womöglich "der Eindruck entsteht, wir sind überm Berg". Denn so weit sei man bei Weitem nicht. (mit ddp)

www.anna-amalia-bibliothek.de

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