Anna Amalia Bibliothek : Wiederkehr in Weimar

Vor dem Festakt: Wie Denkmalexperte Walther Grunwald die Anna Amalia Bibliothek saniert und behutsam in den Zustand von 1849 zurückversetzt hat.

Michaela Nolte
Amalia-Dachstuhl
So sah der Dachstuhl nach dem Brand im September 2004 aus. -Foto: ddp

Der 2. September 2004 war für Walther Grunwald ein ganz normaler Arbeitstag. In seinem Berliner Büro plante er Bauvorhaben in Oberfranken und Sachsen-Anhalt, in der Weimarer Dependance liefen die Vorbereitungen für die Sanierung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek auf Hochtouren. Vier Monate zuvor hatte er mit Olaf Burmeister den Wettbewerb für die Weimarer Weltkulturerbe-Stätte gewonnen. „Am nächsten Morgen um sieben Uhr rief mich eine Mitarbeiterin an. Seither hatte ich 1200 Tage ohne Ruhe.“ Walther Grunwald hält kurz inne und läuft zum Schreibtisch. „Es sind nur 1149!“ Den 2. September 2004, den Tag des großen Brandes, wird er nicht mehr vergessen, auch wenn die Spuren des Feuers kaum noch zu sehen sind, heute, am 268. Geburtstag der herzöglichen Namensgeberin und am Tag der feierlichen Wiedereröffnung der Bibliothek.

Längst hat sich Grunwald als Denkmalexperte einen Namen gemacht; im Lauf von dreißig Jahren ist er zum Fachmann für vernachlässigte oder mangelhaft sanierte Objekte avanciert. Baugeschichte faszinierte den in Thüringen geborenen, in Berlin aufgewachsenen Architekten schon während des Studiums von 1958 bis 1964 an der Technischen Universität; beruflich ging es jedoch zunächst in andere Richtungen. Grunwald ist ein Weltenbummler, kennt Zeitläufte und Kontinente. Wenn er erzählt, immer eloquent und mit einem Funken Ironie, bewegt sich der ganze Körper. Blitzschnell schwenkt er von den Bauarbeitern zu Herzog Johann Wilhelm, dem Erbauer des „Grünen Schlosses“ oder nach New York, wo er nach dem Studium bis 1970 lebte und neben seiner Arbeit als Architekt und Fotograf noch Film studierte. Als Fotograf bereiste er für den Ullstein-Bilderdienst China, Indien und Lateinamerika, das Archiv für Kunst und Geschichte belieferte er außerdem mit Fotoreportagen über Felsmalereien in der Sahara. Mitte der Siebziger wechselte er in die Politik und mischte bei der Wählergemeinschaft Unabhängiger Bürger mit.

Prägend bei allen Aktivitäten ist Grunwalds Begeisterung für die Arbeit; selbst dann, wenn die Umstände wenig glücklich sind. Zwei Tage nach der Vorstellung des Sanierungskonzepts für Anna Amalia zerstörte der Brand das Gebäude. Kurz zuvor war sein langjähriger Mitarbeiter und späterer Partner Olaf Burmeister erkrankt. Er verstarb wenige Tage vor seinem 45. Geburtstag.

Grunwald hat die Bibliothek nun ohne seinen Partner saniert und behutsam in den Zustand von 1849 zurückversetzt. In der Ausbildung hat man ihn das Gespür für solch ein Raum-Zeit-Kontinuum allerdings nicht gelehrt, auch nicht während der zwei Jahre als Entwurfsarchitekt im New Yorker Büro von Star-Architekt Philip Johnson. „Wir in der Bauhaus-Tradition Stehenden dachten, wir könnten mit unseren Entwürfen die Welt verändern. Aber ein altes Gebäude hat so viel Geschichte – da sind Schnickschnack-Ideen nicht angemessen. Man muss sich zurücknehmen können.“

Sein erstes Projekt war Schloss Buchau, es folgte Schloss Peesten in Bayern, später Ettersburg, der einstige Sommersitz der Herzogin Anna Amalia. Auf Schloss Neudrossenfeld nahe Bayreuth entdeckte Grundwald Deutschlands ältesten Terrassengarten, das „Krockersche Haus“ in Zeulenroda, für dessen Sanierung er 2001 den Thüringischen Denkmalschutzpreis erhielt.

Historisches Feingefühl beweist Grunwald auch bei weniger bedeutender Bausubstanz. 1993 beauftragten Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff ihn mit dem Umbau eines märkischen Vierseithofs. Inmitten der verfallenden Gebäude stand eine große Scheune, die das Bildhauerpaar abreißen lassen wollte. Grunwald konnte sie jedoch davon überzeugen, dort ein Wohn- und Atelierhaus einzurichten.

Nächstes Jahr wird Walther Grunwald 70 Jahre alt. An Ruhestand denkt er aber noch lange nicht. Sein nächstes Bauprojekt: das Haus am Waldsee in Zehlendorf. „Die Lottomittel sind noch nicht bewilligt. Aber ich freue mich darauf. Eine wunderbare Fingerübung, die mich nach Berlin zurückbringt!“ Am heutigen Mittwoch wird er aber erst mal in Weimar dabei sein, wenn Bundespräsident Horst Köhler die von Grunwald sanierte Bibliothek der Öffentlichkeit übergibt.

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