Anna Prohaska singt im Konzerthaus : Geisterstunde

Pulverdampf und Trompeten, Trommeln und Tod: Anna Prohaska singt Lieder vom Soldatenleben.

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Anna Prohaska Foto: dpa
Anna ProhaskaFoto: dpa

Das Konzert beginnt a cappella. „Es geht ein’ dunkle Wolk’ herein“, intoniert Anna Prohaska ihren Liederabend „Behind The Lines“, der mit hohem Kunstverstand Bilder aus dem Soldatenleben beleuchtet. Heterogene Bilder mit vielen Trommeln, schönen Trompeten, Traurigkeit und Tod. Anfangs geht es naiv kindlich zu, wenn Goethes Klärchen mit der Musik Beethovens von dem Glück träumt, „ein Mannsbild zu sein“, das heißt kriegstauglich. Und wenn dazu der fabelhafte Pianist Eric Schneider, der das Programm mitgestaltet wie ein Dramaturg, auf dem Klavier die imaginäre Pauke schlägt. Im Ton verwandt bleibt noch „Meine Mutter wird Soldat“ aus Eislers „Zeitungsausschnitten“, obwohl ein Kind anders klingt als eine junge Frau: Hier zeigt sich schon die stimmliche Wandlungsfähigkeit Prohaskas. Sie reicht von der vibratoarmen Farbe für frühe Lieder aus dem 16./17. Jahrhundert bis zum dramatischen Espressivo in Wolfgang Rihms Trakl-Vertonung „Der Untergang“.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren hat ein Programm angestoßen (auch auf CD), das Stoff in Fülle ausbreitet. Die Sängerin, in schwarzem Outfit anzuschauen wie ein schönes, modernes Abbild des Pagen Leubelfing, vollbringt eine unglaubliche Konzentrationsleistung, weil sie nahezu zäsurlos durch die Epochen, Sprachen, Stimmungen ihrer Lieder springt. Alles auswendig ohne Rast im Kleinen Saal des Konzerthauses und doch Wort für Wort deutlich interpretiert. Die Todesahnung des Kriegers in Schuberts Rellstab- und Scott-Vertonungen wird differenziert bis in geträumtes „Zauberland“ der Blumen. Ein Meisterstück gelingt mit der unbarmherzigen Lustigkeit Heinrich Heines in den „Beiden Grenadieren“ von Schumann. Kurt Weill tönt in amerikanischem Idiom, krass und hart die „Panzerschlacht“ und „Heimkehr“ von Brecht/Eisler.

Prohaskas Sopran, geschult an Mozart bis Widmann, erlaubt klangvoll jede Extravaganz. Bei ihr liegt Mahlers „grüne Heide“ in einem Zwischenreich von Tag und Traum. Geisterstunde, Kriegstragödien, ein Programm, das trotz großen Beifalls keine Zugabe will.

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