Anna Walentynowicz : Die Heldin von Danzig

Anna Walentynowicz: Katholikin, Schweißerin, Kranführerin, sozialistische Heldin der Arbeit, Auslöserin des Streiks, der zur Gründung der Solidarnosc führte. Eine Erinnerung von Volker Schlöndorff.

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Starb beim Flugzeugabsturz: Anna Walentynowicz. -Foto: dpa

Vom Absturz des polnischen Flugzeugs mit Lech Kaczynski erfuhr ich in Kapstadt, wo ich gerade für das Goethe-Institut war. Ich fürchtete, dass Andrzej Wajda wegen seines „Katyn“-Films mit der Delegation auf dem Weg zur Katyn-Gedenkfeier war. Von polnischen Freunden erfuhr ich am Telefon, dass Wajda wohlauf ist, dass jedoch die 80-jährige Anna Walentynowicz mit zu den Toten gehört.

Ich habe es nie ganz überwunden, dass sie, die Heldin von Danzig, meinen Film „Strajk“ von 2006 abgelehnt hat, mit der wir – Katharina Thalbach in der Hauptrolle und ich – ihr ein Denkmal setzen wollten. Nach langem Zögen entschlossen wir uns dazu, den Filme dennoch zu drehen. Wir waren uns sicher, wir werden ihr gerecht. Aber ihr großartiger Starrsinn, mit dem sie sich schon früh für bessere Arbeitsbedingungen einsetzte, sich an Aufständen beteiligte und auch im Gefängnis nicht klein beigab – dieser Starrsinn hat auch uns getroffen.

Als ich sie einmal fragte, ob es für sie als Katholikin nicht ein Dilemma war, dass sie viele Jahre am Tag der Frau von der Kommunistischen Partei den Orden als beste Arbeiterin erhielt, sagte sie: Nein, ich habe doch nicht für die Partei gearbeitet. Ich wusste nur, wenn ich bei der Schweißnaht nicht sorgfältig arbeite, dann geht das Schiff im Sturm womöglich unter, es gibt viele Tote und ich bin verantwortlich. Aus dieser einfachen Weltsicht gewann sie ihre Überzeugungen.

Anna Walentynowicz war stur. Eine Kämpferin, die bei den Bonzen die Einhaltung ihrer Parolen einklagte, treibende Kraft der polnischen Oppositionsbewegung, die die Wende mit auslöste – bis in Berlin die Mauer fiel. Sie war entlassen worden, dass hatte zum Streik geführt, aber die Werftsleitung lenkte schnell ein. Sie wurde wieder eingestellt, man schickte ihr das Auto des Direktors und fuhr sie im Triumph auf die Werft zurück, alle bekamen eine Gehaltserhöhung, auch die Sicherheit am Arbeitsplatz wurde verbessert. Aber sie verriegelte das Streiktor und sagte: Nichts ist vorbei, jetzt geht’s erst los. Wir verlangen freie Gewerkschaften, damit so etwas nie wieder passieren kann, mir nicht und anderen nicht. Wir wollen nicht nur drei Forderungen erfüllt sehen, sondern alle 21. Politischen Realismus lehnte sie ab. Das war das Polnische an ihr: dass sie ihre Träume höher einschätzte als die sogenannte Realität.

Schon als ich sie vor den Dreharbeiten besuchte, war sie fast blind; sie hat den Film wahrscheinlich nie mit eigenen Augen gesehen. Aber sie war dagegen, aus grundsätzlichen politischen Motiven. Sie war überzeugt, dass Lech Walesa die Solidarnosc verraten hatte und dass auch wir seine Rolle nicht kritisch genug zeigen würden. Sie war aber dennoch eine beeindruckende Frau, ging noch im hohen Alter auf die Werft, etwa für Sylke Rene Meyers Dokumentarfilm über sie.

Warum saß sie mit im Flugzeug? Sie hatte sich für die Kaczynskis eingesetzt, auch in deren Wahlkämpfen, sie war eine Symbolfigur für das konservative Polen. Sie befürwortete einen antieuropäischen Kurs, denn sie fühlte sich von der Linken verraten, von ihren ehemaligen Mitstreitern, auch von den Deutschen. Ihre Skepsis gegenüber denen, die die Solidarnosc nicht unterstützt hatten, traf auch mich. Dass die SPD unter Helmut Schmidt und erst recht die DDR damals abgewiegelt hatten, damit hatte sie leider nicht unrecht. Auch das bestärkte uns darin, dass ihre Geschichte erzählt werden muss.

Diese streitbare, beeindruckende Frau ist tot. Das tut weh. Von Anna Walentynowicz können wir lernen, was ein Einzelner doch alles ausrichten kann. Unsereins denkt oft kompliziert, Menschen mit einfachen, klaren Überzeugungen belehren uns da eines Besseren. Die Geschichte geht merkwürdige Wege, manchmal mag etwas noch so unrealistisch erscheinen, aber man muss es versuchen. Die Wirkung kann weltbewegend sein. Es gibt keinen Grund, die Segel zu streichen.

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