Kultur : Annäherung durch Enthüllung ist eine Illusion

CLAUDIA SINNIG

Litauen ist eines der wenigen Länder Europas, in denen es eine Tradition des künstlerischen Akts bis in die 80er Jahre praktisch nicht gegeben hat.In Kunst, Literatur, Theater und Film hatte man die Sublimierung des Erotischen aus der noch recht lebendigen Folklore übernommen.Solche Traditionalismen hat die sowjetische Besatzung fünfzig Jahr lang konserviert.Einzig in der litauischen Fotografie waren Frauenakte, die der westlichen Werbefotografie oder den Nacktfotos im DDR-"Magazin" ähnlich waren und ausschließlich von Männern aufgenommen wurden, seltsamerweise weder verpönt noch zensiert.

Um so faszinierender sind die seit den 70er Jahren in aller Stille von zwei Frauen gemachten Aktfotografien, von denen jetzt in der Giedre Bartelt Galerie eine Auswahl gezeigt wird.Die beiden eigentlich hunderte von Fotos umfassenden Serien entstanden in jahrelanger Arbeit an jeweils einem einzigen Motiv.Snieguole Michelkeviciute beschäftigt sich mit Aufnahmen vom Körper eines Mannes, Violeta Bubelyte mit Selbstporträts.Es ist die erste Gegenüberstellung der beiden Künstlerinnen.

Die Stärke der beiden Litauerinnen liegt darin, sich unvoreingenommen einem Thema zu nähern, das im Westen so inflationär und deshalb so schwierig ist wie vielleicht kein anderes.Michelkeviciute zeigt einen Mann, dessen Gesicht nie zu sehen ist.Trotz dieser Anonymität entsteht der Eindruck von Vertrautheit.Der Körper ist unspektakulär, weder wirklich alt noch jung, ohne Male oder Spuren von Verletzungen.Er wird in alltäglichen Haltungen und Bewegungen gezeigt.Bemerkenswert ist, daß dem Betrachter die Entscheidung für schön oder häßlich, stark oder schwach, die ihm sonst so oft auf drastische Weise aufgezwungen wird, erspart bleibt.Erstaunlich ist auch, daß trotz Alltäglichkeit und Anonymität das Porträt eines ganz bestimmten Menschen entstanden ist.Den Aufnahmen haftet der Blick jener an, die seit langem mit einem anderen zusammenleben.Michelkeviciute gelingt nahezu Unmögliches, denn es ist, als gäbe sie dem Körper des Mannes seine Selbstverständlichkeit zurück.

Violeta Bubelytes Selbstporträts könnten gegensätzlicher kaum sein.Ihr Blick, meistens auf den Betrachter gerichtet, stellt ihren Körper in den Schatten.Er ist ohne Übertreibung so rätselhaft wie der der Mona Lisa: eine Spur Scham, ein wenig listige Hintergründigkeit, etwas herausfordernd und tiefernst fragend.Sie ist allein mit ihrer Kamera.Es sieht so aus, als schicke sie den Blick auf eine Reise durch Raum und Zeit mit uns als unbekanntem Ziel.

In der Unergründlichkeit ihres wandelbaren Gesichts liegt der Schlüssel zum Begreifen des gesamten Zyklus.Ihr Körper wirkt undurchdringlich und durchsichtig zugleich.Er läßt Annäherung durch Enthüllung als Illusion erscheinen.Bubelyte manipuliert viele ihrer technisch hervorragenden Fotos - man denke an den Stand der Technik in der Sowjetunion Ende der 70er Jahre! -, indem sie dieselbe Aufnahme von sich mehrmals schattenhaft ins Bild montiert.Eine spannende Ästhetisierung, die sich selbst in Frage stellt.

Die durch das Schwarz-Weiß und ihre subtile Erotik etwas altmodisch wirkenden Fotografien beider Künstlerinnen sind aber auch einfach schön anzusehen.Beide Frauen waren lange in ihrer Heimat Außenseiterinnen, inzwischen gelten sie unter Fachleuten als Geheimtip.Prominent und gefeiert sind sie noch nicht.Dementsprechend niedrig (500 DM) sind in Berlin die Preise für ihre Arbeiten.

Giedre Bartelt Galerie, Wielandstraße 31, bis 4 Juli; Dienstag bis Freitag 14-18.30 Uhr, Sonnabend 11-14 Uhr.

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