Kultur : Annäherung durch Wandel

Berggruen und F.C.Flick: Kunstsammler beim Kanzler

Christina Tilmann

Die Sky-Lobby des Bundeskanzleramts ist als Kultur-Location längst legendär. Günter Grass las hier und bekam vom Kanzler persönlich das Glas Rotwein zugetragen. Schauspieler präsentierten Moritz Rinkes Stück „Republik Vineta“ und trugen dem Dichter den Ruf des Kanzlerlieblings ein. Am Mittwochabend ging es, zum Auftakt einer neuen Saison, vergleichsweise staatstragend zu: Man diskutierte über „Kunst sammeln: Leidenschaft oder Verpflichtung“.

Auftritt: Der Bundeskanzler. Forsch voran, ergreift er zur Begrüßung das Mikrofon. Hinter ihm, zögernder, die Akteure des Abends: Christina Weiss, Staatsministerin für Kultur und Medien, der Kunstsammler Friedrich Christian Flick und, in ihrer Mitte, sorgsam geführt, Heinz Berggruen, der fast 90-jährige Doyen der Berliner Kunstszene. Ein ungleiches Trio: Berggruen zeigt unbewegte Miene, ist aber schlagfertiger als seine jüngeren Gesprächspartner. Flick hat gerade dem „Stern“ erzählt, welche Kunstwerke er seinen Enkelkindern zu Weihnachten schenkt. Derweil sortiert Christina Weiss, die Moderatorin, nervös ihre Karteikarten.

Die Konstellation ist ungewöhnlich: Mit Flick trifft der Enkel eines einst zur Täterseite gehörenden Unternehmers auf einen vor den Nazis ins Exil Geflohenen, Heinz Berggruen. Doch zunächst hat der Hausherr das Wort. „Kunst ist eine öffentliche Angelegenheit“, zitiert er Max Pechstein. Und fügt, an Berggruen gewandt, hinzu: „Ein Kunstsammler kann das, was andere begangen haben, niemals ungeschehen machen.“

Das hätte er besser zu Flick sagen sollen. Denn dessen Entscheidung, Berlin seine immense Sammlung zeitgenössischer Kunst zu überlassen, hatte für heftige Diskussionen gesorgt. Und die „Süddeutsche“ hatte soeben wiederholt, Flick wolle mit seiner Sammlertätigkeit bloß den Namen seiner Familie reinwaschen. Flick hat längst gelernt, mit solchen Vorwürfen umzugehen: „Die Taten meines Großvaters im Nationalsozialismus waren Unrecht, seine Verurteilung geschah zu Recht. Was aber spricht dagegen, einer dunklen Seite in der Familiengeschichte eine positive entgegenzusetzen?“

Hätte daran noch irgendein Zweifel bestanden, dieser Abend hätte ihn beseitigt. Kein Wunder, zumal Kulturstaatsministerin Christina Weiss selber an Flicks Entscheidung damals für Berlin – und gegen Zürich – beteiligt war. Berggruen wiederum, der sich im Alter entschied, seine reiche Sammlung von Picasso, Klee und Giacometti seiner Geburtsstadt Berlin zu überlassen, ist für Flick die „moralische Autorität“: „Wenn er sein Veto eingelegt hätte, wäre alles ganz anders verlaufen.“ Doch nun reichten sich das Opfer eines Terrorregimes dem Nachkommen eines Menschen, der unter Hitler Unrecht begangen hat, die Hand – und das sei ein Zeichen der verbindenden Kraft der Kunst.

So herrschte weitgehend Einigkeit. Die Kontrahenten, die sich seit langem schätzen, entdeckten eifrig ihre Gemeinsamkeiten: Beiden war die Kunst vom Elternhaus nicht in die Wiege gelegt, beide hatten ihr erstes Kunstwerk für hundert Dollar gekauft, und beide sind klug kalkulierende Sammler. Einmal erzählt Flick, dass er einen Giacometti habe, der nicht so richtig in seine Sammlung passe. Berggruen: „Ich übernehme ihn gern“. Und schon beginnen beide Sammler auf offener Bühne zu feilschen.

Inzwischen steigt die gefühlte Temperatur im Raum. Berggruen erzählt, wie er in seinem Museum im Charlottenburger Stülerbau mit seinen Bildern wie in einer Wohngemeinschaft lebe. Und wie er es genieße, mit Besuchern zu diskutieren. Da werde allerdings auch oft Banales gefragt, zum Beispiel, welches das erste Bild sei, das er gekauft habe – dieselbe Frage hatte auch Christina Weiss als erste gestellt. Und Kinder fragten ihn manchmal: „Bist du Picasso?“

Nur einmal runzelt der Kanzler irritiert die Stirn. Da hatte Flick gerade ein leidenschaftliches Plädoyer für die Distanz der Künstler zur Macht gehalten. Dieser Abend zeugte eher vom Gegenteil. Und nachher gab’s wie immer Buletten, Kartoffelsalat und Schmalzbrot für alle.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben