Kultur : Annäherungen an ein Phantom

Erlebnisse mit Patrick Süskind, dem Autor des Erfolgsromans „Das Parfum“ / Von Konrad Rufus Müller

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Patrick Süskind lebte Anfang der Achtzigerjahre in einer Chambre de bonne, einer winzigen Kammer unter dem Dach am Boulevard Raspail in Paris. Kennen gelernt hatte ich ihn in den siebziger Jahren über seinen älteren Bruder Martin E., damals Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Redenschreiber bei Willy Brandt. Patrick hatte damals schon einen ersten Erfolg mit seinem Ein-Personen-Stück „Der Kontrabass“. Bei der Premiere in München war der Autor nicht anwesend, erst zur Premierenfeier danach ließ er sich blicken.

Im Sommer 1983 lebten wir jedenfalls beide in Paris, ich etwas luxuriöser im Hotel Defleurie nahe der Place St. Sulpice. Ich arbeitete an einem Buch über François Mitterrand. Patrick bekochte mich mittels eines Gaskochers, der im nicht funktionierenden Minikamin stand. Dafür kam er zum Duschen des Öfteren in mein Hotel. Sein Zimmer war so klein, dass der Gästestuhl mittels Flaschenzug unter der Decke hing und nur für den Besucher herabgelassen wurde. An der dem Bett gegenüberliegenden Wand war ein Pariser Stadtplan aus dem 18. Jahrhundert befestigt, und auf dem winzigen Schreibtisch lag – wann immer ich zu Besuch war – ein Stapel Schreibpapier, das oberste Blatt unbeschrieben, der Bleistift diagonal akkurat drapiert.

Nie hat er auf meine Fragen geantwortet, was er denn wohl für einen Text schreibe. Auch nicht, als ich mir eine Geschichte über Paris und Grasse, wo er sich des öfteren aufhielt, zusammenfantasierte. Überhaupt redete er nicht viel, außer dass er alle Straßen und Plätze, die wir abschritten, mit deutschen Endungen versah: zum Beispiel Rennes-Straße oder Concorde-Platz. Er pflegte bei unseren Spaziergängen immer einige Schritte hinter mir zu gehen, da er es unerträglich fand, dass ich ständig singen musste. In den Kneipen saßen wir eng an eng mit fremden Leuten, mit denen ich schnell ins Gespräch kam. Das konnte Patrick nicht ausstehen. Gingen wir ins Café, saß ich draußen, er immer innen, am hintersten Tisch, mit dem Rücken zur Wand. Immer alles im Blick, aber nie gesehen werden. Dabei kannte ihn in Paris doch niemand. Vielleicht waren es schon damals Stilübungen, um mit dem späteren Weltruhm entsprechend umgehen zu können.

Patrick Süskind ist ein sehr, sehr vorsichtiger Mensch. In seiner Münchner Wohnung hatte Herr S. ein Hängeklo, das keine Verbindung zum Boden hatte. Irgendwann beschlich ihn die klamme Ahnung, dass vor, während oder nach einer Sitzung das Gerät aus der Wand brechen könnte und zumindest die Wohnung fluten würde. Also ging Herr S. in eine Holzhandlung und besorgte sich Abfallklötzchen, die ihm der Tischlergeselle kostenlos überließ. Zurück in der Wohnung stapelte er Klötzchen auf Klötzchen, bis das berühmte Blatt Papier nicht mehr zwischen die errichtete Stützmauer und das Klo passte.

Zurück zum „Parfum“. 1985, nach dem x-ten Versuch, war das „Parfum“-Manuskript beim Schweizer Diogenes-Verlag untergebracht. Der Verlagschef Kehl erkannte das Potential des Textes. Zu dem Klappentext brauchte man ein Autorenfoto, und bald saßen Patrick und ich auf dem Süskind’schen Seegrundstück am Starnberger See und übten uns in der Kunst der Portraitfotografie. Patrick machte, während ich fotografierte, allerhand seltsame Dinge. Er legte sein rechtes Bein hinter den Kopf oder zog mit seinen feingliedrigen Pianistenhänden die Augenlider nach unten, auf dass man beim Anblick der blassrot geäderten, feucht schimmernden Augenhöhlen erschauderte. War dieser Patrick Süskind nicht der wahre Grenouille?, fragte ich mich später. Süskind, den das Anderssein von Frauen schon immer beunruhigte, Süskind, den es eine ungeheure Überwindung kostete, die Fische des Herrn Dietl in Südfrankreich auszunehmen, des Helmut Dietl, der seine Erlebnisse mit Herrn S. später im Film „Rossini“ öffentlich machte?

Er wird es uns nicht kundtun. Ich würde Ihnen diese Bilder gern zeigen. Es gibt sie. Aber wir müssten alle zusammen eine beträchtliche Summe Geldes bereithalten, denn die müsste ich Süskind sicher zahlen. Es wäre die Strafe für einen Wiederholungstäter. Alles kam so: Um den Erscheinungstermin des „Parfum“ herum übernachtete ich etliche Male bei Patrick Süskind in München. Patrick kochte göttlich, und wir leerten meistens mehr als eine Flasche. Bei einem dieser weinseligen Abende habe ich ihm eine auf einem Zettel hingeworfene Unterlassungserklärung unterschrieben. Ich konnte mich daran aber nie erinnern. Erst als ich im Oktober 1990 im „Stern“ einige der Fotografien vom See veröffentlichte, flatterte der Zettel in Fotokopie und in Begleitung eines unfreundlichen Anwaltsbriefes in mein Haus. Am Ende zahlte ich Patrick Süskind Tausende von Mark. Der Autor hatte auf dem Zettel nur ein einziges Bild zur Veröffentlichung freigegeben. Sie sehen es auf dieser Seite. Er war halt schlau und sehr, sehr vorsichtig.

Patrick schenkte mir damals ein Exemplar seines „Parfum“ mit der handschriftlichen Widmung: „Meinem alten Freund Konrad“. Es war trotz all unserer Schrullen eine unvergessliche Zeit.

Der Autor, 66, ist gebürtiger Berliner. Der Fotograf, der wohl als Einziger alle sieben Kanzler der Bundesrepublik fotografisch begleitet hat (Angela Merkel steht noch aus), ist ein langjähriger Freund der Familie Süskind. Konrad Rufus Müller, von dem Fotobände unter anderem über François Mitterrand und Wladimir Putin erschienen sind, lebt im Rheinland und in Umbrien.

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