Anne-Sophie Mutter : "Auf der Bühne war er ein junger Gott"

Die Stargeigerin Anne-Sophie Mutter spricht mit dem Tagesspiegel über ihr Idol Herbert von Karajan, Arbeits- und Abendkleider - und die Kunst aufzuhören.

Anne-Sophie Mutter
Anne-Sophie Mutter, Seiji Ozawa und die Berliner Philharmoniker beim Karajan-Gedenkkonzert in Berlin. -Foto: Monika Rittershaus

Frau Mutter, Ihre erste Schallplatte war Anton Bruckners vierte Sinfonie. Eine ungewöhnliche Wahl für eine Elfjährige.

Ich gebe zu, die Platte habe ich vor allem wegen des Covers gekauft.

Auf dem Herbert von Karajan zu sehen war.

Ja. Ich habe mich dann allerdings sehr schnell in Bruckners Klangwelt verliebt. Wahrscheinlich war das auch ein Moment in meinem Leben, der Beginn der Teenagerzeit, wo ich sehr empfänglich war für die Schönheit dieser zutiefst romantischen Musik.

In den siebziger Jahren waren auf den Hüllen der meisten Klassik-Schallplatten Stillleben oder Landschaften zu sehen.

Herbert von Karajan war in der Tat einer der ersten Interpreten, um den ein richtiger Personenkult betrieben wurde. Aber er hat das auf sehr positive Art und Weise zu nutzen gewusst. Er hat ein Publikum an klassische Musik binden können, das sich sonst kaum dafür interessiert hätte. In Zeiten einer beklagenswerten musischen Allgemeinbildung wird es immer wichtiger, auch über das Auge Käufer aufmerksam zu machen. Primär muss es uns aber um die Kultivierung eines Interesses an der Klassik gehen, und das beginnt bei den Kindern im Grundschulalter.

Schaut man sich Karajans Aufnahmen an, fällt auf, dass sein Name auf den Plattenhüllen mit der Zeit immer größer wird, Werke und Komponisten dagegen optisch in den Hintergrund rücken.

Das hängt mit unserer Zeit zusammen, unserem Glauben, dass wir die Dinge schnell begreifen wollen und müssen. Schauen Sie sich die Aufmachung der Zeitungen an, die waren vor zehn Jahren auch noch anders. Die Namen der Interpreten sind – genauso wie die Schlagzeilen – immer größer geworden. Aber das ist ja nur eine Verpackungssache.

Bei der Verpackung Ihrer eigenen Aufnahmen vertrauen Sie völlig den Marketingstrategen Ihrer Plattenfirma?

Wissen Sie, ich führe Interviews über Musik, nicht über Verpackung. Wenn Sie über Verpackung reden wollen, dann müssen Sie den FedEx-Mann fragen.

Berühmt ist das Plattencover Ihrer Aufnahme von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“. Da sitzen Sie mit Karajan im Wald – wie Rotkäppchen und der Wolf.

Die Fotos sind 1984 im parkähnlichen Garten der Karajanschen Villa in Wien entstanden, und Lord Snowdon, der Fotograf, bestand auf Außenaufnahmen, obwohl es ein extrem kalter Januartag war. Irgendwann erbarmte sich Herr von Karajan und legte mir seinen roten Kaschmirpullover über die Schultern. Und so tragen wir auf den Bildern, die Vorder- und Rückseite zieren, denselben Pullover.

Sie hätten sich erkälten können.

Ach wo, ich bin ja kein Sänger!

Anfang der achtziger Jahre stand in der „Hörzu“ mal ein Leserbrief, der beklagte, dass Sie schulterfreie Abendkleider tragen. Was da alles passieren könne!

Erstaunlich, worauf Zuschauer so alles achten! Meine Abendkleider sind für mich Arbeitskleider. Sie sind vor allem bequem, denn ich will nicht von zwickenden Ärmeln gequält werden und auch nicht an Stoff denken, der unter der Geige hin und her rutscht.

Am 11. Dezember 1976 kam es zu Ihrer Begegnung mit Karajan. Sie waren 13 Jahre, er 68. Wer hatte dieses Vorspiel in der Berliner Philharmonie eigentlich eingefädelt?

Karajan war immer neugierig auf junge Musiker, es verging fast keine Probe, in deren Verlauf er jedem die Chance gab, sich vorzustellen. Es war also gar nicht so schwer, einen Termin zu bekommen. Bei meinem Vorspiel, das am Ende der Probe angesetzt war, stand Karajan zeitlich besonders unter Druck, weil er abends noch eine Vorstellung zu dirigieren hatte. Dennoch ließ er mich eine halbe Stunde lang spielen – und lud mich dann als Solistin zu seinen Salzburger Pfingstfestspielen ein.

Wie haben Sie den Erfolg gefeiert?

Ich bin in den Zoo gegangen.

Sie haben mit Karajan seine späten Jahre erlebt, die durch gesundheitliche Probleme geprägt waren.

Ich habe früh gelernt, dass ein Mensch sich nicht über körperliche Fitness definieren sollte. Was uns Menschen ausmacht, sind Geist und Seele. Ein Dirigent ist ja nicht ein Taktschläger, sondern ein Vermittler zwischen dem Komponisten und den Musikern. Er muss Überzeugungsarbeit leisten, muss ein Visionär sein. Natürlich ist Herbert von Karajan in seinen letzten Jahren das Dirigieren schwer gefallen – umso mehr habe ich ihn bewundert. Durch Musik beflügelt, war er auf der Bühne dann immer wieder ein junger Gott.

Mit anzusehen, wie er sich in den achtziger Jahren zum Dirigentenpult schleppte, war für die Zuschauer schmerzhaft.

Er war einer der Menschen, die das Nachlassen der körperlichen Kraft ungern an sich bemerken – und so habe ich beschlossen, dem Thema nicht allzu viel Gewicht beizumessen. Seiner Leistung als Musiker aber hat das Leiden nur noch mehr an Tiefe gegeben. Die Vergänglichkeit des Lebens bekam in der Ewigkeit der Musik einen wunderbaren Aufenthaltsort.

Noch am Tag seines Todes im Juli 1989 war eine Probe der Salzburger Festspiele angesetzt. Sie dagegen haben mal erklärt, mit 45 Jahren aufhören zu wollen, also in diesem Sommer.

In der Tat habe ich bereits mit Anfang dreißig gesagt, dass ich nicht ewig konzertieren werde. Das resultiert aus meiner großen Hingabe an den Beruf. Fest steht, ich werde keiner dieser Künstler sein, die jahrelang Abschiedstourneen geben. Irgendwann ist halt einfach Schluss.

Und wann ist der rechte Moment zum Aufhören gekommen?

Ich habe wunderbare Konzerte von Nathan Milstein erlebt, als er schon ein alter Herr war. Technisch war es nicht mehr perfekt, aber seine Verinnerlichung der Musik war berauschend, in diesem Punkt war er noch Meister seines Instruments. Aber wenn die persönliche Glut für die Musik erlischt, dann sollte Schluss sein.

Dann könnten Sie also locker noch weitere 25 Jahre weitermachen.

Hm. Eher nicht. Andererseits: Life happens while you are making plans.

Seit einigen Jahren dirigieren Sie auch …

…ich leite ein Ensemble, mit dem ich als Solistin auftrete. Das kann man nicht dirigieren nennen. Da geht es um das gegenseitige Befruchten bei der Probenarbeit, beim Auftritt habe ich nur noch koordinierende Funktion. Im Moment reizt es mich mehr, das Repertoire für Streichtrio auszuschöpfen – und im Streichquartett zu spielen.

Wird es bald ein Anne-Sophie-MutterQuartett geben?

Ob das dann nach mir heißt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall bedarf es erst einmal einer jahrelangen Aufbauarbeit, bis man mit so einer Formation an die Öffentlichkeit tritt. Wir müssen zu einem Klangkörper verschmelzen, was nicht leicht ist, wenn es sich um Musiker handelt, die vor allem als Solisten gearbeitet haben.

Zurück zu Karajan. Er war ein echter Technikfreak, der jede Marktneuheit sofort besitzen wollte.

Gerade das machte ihn zu so einer charismatischen Persönlichkeit. Er interessierte sich sehr für die Welt. Es gab neben der Musik tausend Themen, über die man mit ihm reden konnte: Autos, Yoga, Meditation, Bergsteigen, Skifahren…

Und er steuerte selber sein Privatflugzeug.

Aber er flog, dass sich einem die Haare sträubten. Seine Frau Eliette und ich saßen mit angstverzerrten Gesichtern hinten und haben beim Aussteigen geschwindelt: Uns geht’s prima, es war ganz toll!

Hat Karajan seine vielen Aufnahmen wirklich allein zum Wohle der Musik gemacht? Hatte er nicht auch ein riesiges Ego?

Ich habe die größte Qualität seiner Arbeit stets darin gesehen, dass er immer wieder von vorne begann, sich selbst und seinen Zugang zu den Werken infrage stellte. Dazu gehört Selbstdisziplin und Bescheidenheit.

Dennoch hat er sich bis zum Schluss geweigert, über seinen Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern nachzudenken.

Das macht wohl kein Dirigent gerne! Er hat dieses Orchester geliebt wie seine Nebenfrau. Wer möchte bei so einer Liebesbeziehung an Nachfolger denken? Das wäre ja geradezu abartig!

Wird die Flut der Wiederveröffentlichungen zum 100. Geburtstag einen neuen Karajan-Boom auslösen?

Die Aufnahmen sind vor allem für uns Musiker gut, weil wir sie als Arbeitsgrundlage nehmen und versuchen sollten, diese hohe Messlatte im Auge zu behalten. Ein 20-jähriger Musikstudent hat heute keine Ahnung, wer Karajan wirklich war. Für viele junge Interpreten sind neue Einspielungen gleichbedeutend mit besseren Einspielungen. Das ist aber nicht so. Manche Aufnahmen haben Ewigkeitswert.

Das Gespräch führte Frederik Hanssen.

Anne-Sophie Mutter, 1963 im badischen Rheinfelden geboren, debütierte 1976 bei den Festspielen Luzern. Herbert von Karajan war bis zu seinem Tod 1989 ihr Förderer. Heute gehört sie zu den bestbezahlten KlassikKünstlern. Die Geigerin setzt sich für zeitgenössische Musik ein, zuletzt brachte sie im Sommer 2007 mit den Berliner Philharmonikern in Luzern ein Violinkonzert von Sofia Gubaidulina zur Uraufführung. 1997 gründete Anne-Sophie Mutter eine Stiftung zur Förderung des musikalischen Spitzennachwuchses.

Am 24. April erhält sie in München den mit 200 000 Euro dotierten Siemens Musikpreis. Am 28. April zeigt Arte unter dem Titel „Dynamik eines Welterfolgs“ eine Dokumentation über sie.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben