Kultur : Anne-Sophie Mutter und Masur erhalten Beifall der unangenehmen Art

Jörg Königsdorf

Es gibt eine Art von Applaus, die jeder Künstler hassen muss. Ohne die Bravorufe, die das beglückte Lösen der Konzertspannung verraten, ist er dennoch auf verhaltenem Niveau hartnäckig, sagt wenig mehr als: Wenn wir schon so viel Geld bezahlt haben, wollen wir wenigstens noch eine Zugabe. Dass diesen unangenehmen, begeisterungslosen Applaus ausgerechnet Anne-Sophie Mutter, die Solistin des Jeunesses-Musicales-Konzerts in der Philharmonie, erntet, überrascht - den echten, enthusiastischen Beifall werden erst später Kurt Masur und das Orchester für ihre vitale, voranstürmende Interpretation von Tschaikowskys zweiter Sinfonie einheimsen.

Den Niedrigspannungs-Applaus für Deutschlands Lieblingsgeigerin mag man sich aus den Komponenten Respekt und Verunsicherung erklären: Hatte man da tatsächlich richtig gehört, waren gerade die ätherisch schwebenden Passagen des Beethoven-Violinkonzerts so hässlich misslungen, hatte die Solistin diese wunderbar fragilen hohen Melodielinien im zweiten Satz und am Ende der großen Kadenz falsch gespielt? Und war ihre Interpretation in ihrem Schwanken zwischen vibratolastigem Überdruck, Zaghaftigkeit und manierierten Phrasierungs-Ideen nicht überhaupt seltsam uneinheitlich geraten? Es war wohl so. Die wenigen großen Momente, die Anne-Sophie Mutter dennoch gelangen, in denen das Erlebnis des Augenblicks intensivst ausgelebter Melodie die schleppenden Tempi und den Verlust konzertanter Spannung vergessen ließen, mildern diesen beunruhigenden Eindruck nur wenig.

Einen rängefüllenden Gaststar wie Mutter konnte sich die Junge Deutsche Philharmonie noch nie leisten - ihr Konzert vor den schütter gefüllten Rängen des HdK-Konzertsaales am Abend zuvor hatte gegenüber dem ausverkauften Philharmonie-Event einen etwas aschenputtelhaften Beiklang. Ein Vergleich, der mit Bartóks "Holzgeschnitztem Prinzen" das glückliche Ende miteinbezieht. Noch spannungsvoller als in seinem Konzert mit den Philharmonikern vor zwei Jahren konnte Ivßn Fischer, der dieses Werk so gut kennt wie wohl niemand sonst, Bartóks Ballett diesmal umsetzen, mit glimmenden Farben in den Streichern und bedrohlich plastischer Rhythmik.

Dass dieser "Prinz" eine faszinierende Sogwirkung entfalten konnte (während Strawinskys "Petruschka" zuvor noch etwas verwackelt geraten war), lag nicht nur am Spiel der Jungen Deutschen Philharmonie. Zwei etwa metergroße Gliederpuppen rückten das oft als reines Konzertstück gespielte Ballett zurück an seine erzählerischen Ursprünge: Ohne Kindermärchen-Niedlichkeit, mit einer geradezu beängstigenden Natürlichkeit der Bewegung, wurden die beiden zu den eigentlichen Hauptfiguren des Konzerts. Immer wieder verschwimmt die Grenze zwischen Belebtem und Unbelebtem, scheint es oft, als müssten die vier Spieler unter der Leitung von Suse Wächter ihren mitleiderregend verletzlichen Puppen nur kleine Hilfestellungen leisten. Und dass es nicht dem Geigenstar, sondern diesen zwei kleinen Puppen gelingt, menschlich zu berühren, klingt schon fast selbst wie ein Märchenschluss.

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