Kultur : Annerose Schmidt gab im Schauspielhaus ein Klavierkonzert

Isabel Herzfeld

Chopin kann man auch anders spielen: klassisch klar, noch in den verwickelsten Figuren von gestochener Genauigkeit, ganz ohne romantische Überredungskunst. Der Meister selbst, so ist es überliefert, liebte Bach und Mozart, war alles andere als ein Tastendonnerer. Das beherzigt Annerose Schmidt voll und ganz: im brechend vollen Kleinen Saal des Schauspielhauses liefert die ehemalige Rektorin der Hochschule für Musik beindruckende Proben ihres Könnens. Zum 150. Todestag des polnischen Komponisten, den das Schauspielhaus mit einem Chopin-Zyklus begeht, stehen endlich einmal auch unbekanntere Werke auf dem Programm. Die frühe c-moll-Sonate op. 4 verzichtet gänzlich auf vordergründige Virtuosität, ist jedoch umso haariger zu spielen. Ihre polyphon verschlungenen Doppelgriffkaskaden bewältigt Schmidt mit funkelnder Eleganz. Dem "Menuetto" gibt sie skurrilen Humor, im "Larghetto" kann sie Nocturne-Filigran nur so dahinhauchen. Sensible Intelligenz spürt auch im "Bolero" op. 19, einem vergleichsweise simpelen Stückchen, immer neue kokette Nuancen auf. Und doch zeigt sich bereits im "Andante spianato", dem das Glitzerwerk der "Grande Polonaise brillante" folgt, dass etwas fehlt: jene unbedingte, um technische Risiken unbekümmerte Hingabe, die das Faszinosum Klavierabend erst ausmacht. Manchmal überzieht Schmidt die Tempi sogar so sehr, dass nur noch zu bewundernde Kraftanstrengung, nicht leidenschaftliche Glut sich mitteilt. Weniger Druck wäre da sicher mehr - wie in den Zugaben, etwa einer kapriziösen Mazurka oder der wahnwitzig virtuosen "Revolutionsetüde", vom Bearbeiter Leopold Godowsky komplett in die linke Hand verlegt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben