Kultur : Annes Lieder

OPER

Carsten Niemann

Wann konnten wir glauben, dass dies Anne Frank sein soll – und zugleich ein Mensch, den man gerne zur besten Freundin hätte? Aufgereiht saßen wir im Foyer der Deutschen Oper gegenüber einer riesigen Sechs mit sechs Nullen, deren schwarze Buchstäblichkeit zunächst jede Vertraulichkeit zu hintertreiben schien. Und wollten wir Raquela Sheeran die halb natürlichen, halb kunstvoll gespielten mädchenhaften Bewegungen abnehmen? Würde der Augenblick kommen, an dem diese Stimme, die raumfüllend zum Klavier die vor langer Zeit geschriebenen Zeilen sang, ihre Fremdheit verlieren würde? So notwendig das ängstliche Unbehagen ist, wenn ein kostbares Dokument wie das Tagebuch der Anne Frank auf die Bühne kommt – beim Team vom KinderMusikTheater an der Bismarckstraße und in Gregori Frids 1969 entstandener Vertonung war es in guten Händen (noch einmal am 5.3., 11 Uhr). „Diese Worte sind mir wichtig, deshalb singe ich sie: ernsthaft und konzentriert, aber ohne die lebendige Hoffnung und den Humor zu verraten, die mir an dieser Anne so gefallen“ – so könnte man formulieren, was Sheerans Leistung so bezwingend macht. Ralf Nürnbergers Inszenierung gibt ihr alle Unterstützung, schafft Brücken vom Besonderen in Annes Einsamkeit zum Allgemeinen: Beginnend beim Tänzer (Gernot Frischling), der den stummen Widerpart der Heldin spielt, bis hin zum Bühnenbild mit seinen klugen Kontrasten von wohnlichem Holz, lebendigem Rot, unversöhnlichem Schwarz-Weiß und denunzierend angeheftetem Gelb.

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