Kultur : Annis Geheimnis

Die Versteigerung von Max Beckmanns Gemälde „Mädchen mit Fächer“ weckt Erwartungen

Michael Zajonz

Es ist das Spitzenlos unter den vielen hochklassigen Werken dieser Jubiläumsauktion in der Villa Grisebach. Für Max Beckmanns Gemälde „Anni (Mädchen mit Fächer)“ von 1942 werden bei der Auktion am 3. Juni zwei bis 2,5 Millionen Euro erhofft. Das Gemälde ist nach Kriegsende über die Galerie Otto Stangl in München an einen Sammler in Düsseldorf vermittelt worden und wurde dort zweimal, 1956 und 1967, öffentlich ausgestellt. Das marktfrische Hochformat misst knappe 85 auf 45 Zentimeter. Qualität und Eindringlichkeit sind bei Beckmann eben keine Frage von Quadratmetern. Ebenso wenig eine des Sujets, denn es ist etwas ganz und gar Alltägliches dargestellt: Ein Mann trifft eine Frau.

Einladender und zugleich rätselhafter kann ein Bild kaum sein. Dem Mann im schwarzen Anzug sehen wir über die Schulter. Nicht nur sein kräftig orange und violett konturiertes linkes Ohr verrät, dass Leben in ihm steckt. Die eckige, gespannte Form seines Rückens wirkt bedrohlich. Hinter ihm steht eine sehr junge, sehr schöne Frau, die über seine Schulter hinweg uns, ihre Betrachter anschaut. Und das frontal, durch katzenhaft schräg gestellte Augen: entwaffnend sinnlich, doch zugleich merkwürdig entrückt und sehr traurig. Das fordernde Violett ihres Kleides und die Orchideenblüte im braunen Haar konturieren das Porzellanweiß ihrer Haut umso deutlicher. Der schmale lange Hals lässt sie kostbar und zerbrechlich erscheinen.

Die Verführung des Mannes durch die Frau wird hier betont melancholisch und verhalten dargeboten. Der Blick des Mädchens stellt eher beiläufig die alles entscheidende Frage: Gefalle ich dir? Beckmann ist ein Großmeister inszenierter Rollenspiele – mit seit der Renaissance erprobten künstlerischen und zugleich auch psychologischen Mitteln. Seine Bilder, so schrieb er einmal, würden nur zu denjenigen Betrachtern sprechen, „die bewusst oder unbewusst ungefähr den gleichen metaphysischen Code in sich tragen“.

Beckmanns zweite Frau Mathilde („Quappi“) verriet nach seinem Tod, dass die geheimnisvolle Schöne auf dem Bild Anni hieß. Ihrem Mann hat sie ein zweites Mal Modell gestanden, 1941, als „Dame mit Hut und Schleier“. Mehr weiß man eigentlich nicht über die Geschichte zwischen ihr und ihm – wenn es überhaupt eine gab. In Beckmanns Tagebüchern taucht sie nicht auf. Das Thema des Bildes bleibt – wie so oft bei Beckmann – in der Schwebe. Handelt es sich um eine Begegnung auf der gesellschaftlichen Bühne – die junge Frau trägt schließlich einen Fächer – oder um das flüchtige Zusammentreffen in einer der Bars, die Beckmann damals regelmäßig durchstreifte. Der kräftige Kontrast von Schwarz und Pink im Hintergrund lassen auch diese Deutung des klaustrophobisch engen Raumes zu.

1942 war für Beckmann kein glückliches Jahr. Erstmals machte sich das Herzleiden, an dem er 1950 bei einem Spaziergang mitten auf der Straße sterben sollte, unmittelbar bemerkbar. Im Tagebuch häufen sich Klagen: über seinen schlechten Gesundheitszustand, die angeblich nachlassende Schaffenskraft, aber auch über die wohl begründete Angst des 1937 nach Amsterdam geflüchteten Exilanten vor den deutschen Besatzern. Im Juni erhält der 58-Jährige eine Vorladung der Wehrmacht zur Musterung. Beckmann wird zwar für dienstuntauglich befunden, ist aber am Ende. Eigentlich wollten Beckmann und seine Frau in die USA weiterreisen, doch das wird ihnen erst nach Kriegsende gelingen.

Künstlerisch sind die Amsterdamer Jahre für Beckmann dennoch ausgesprochen fruchtbar. Mit den „Schauspielern“ – wie das „Mädchen mit Fächer“ 1942 vollendet und heute im Kunstmuseum der Harvard University – fügt er der Reihe seiner großen Triptychen ein Hauptwerk hinzu. Beckmann schindet sich. Doch im Tagebuch notiert er trotzig: „Malen ist doch schön.“

„Über allerlei Bilder nachgedacht“: Eine weitere Äußerung aus dem Tagebuch, die beiläufig andeutet, wie konzeptuell, wie sehr aus intellektuellem Kalkül heraus dieser Jahrhundertmaler in seinen späten Werken Gesehenes zu Durchdachtem und damit zu allgemein Gültigem umkonstruiert hat. Das geheimnisvolle „Mädchen mit Fächer“ ist auch dafür ein hervorragendes Beispiel. GESCHICHTE

Die Villa Grisebach Auktionen sind im Juli 1986 von fünf deutschen Kunsthändlern in Berlin gegründet worden. Schnell entwickelte sich as Hausdie Villa zum umsatzstärksten Auktionshaus der Klassischen Moderne im deutschsprachigen Raum und wurde Marktführer für deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts.

FIRMENSITZ

Unweit des Kurfürstendamms liegt die sechsgeschossige ehemalige Stadtvilla des Architekten Hans Grisebach in Berlin-Charlottenburg (Fasanenstraße 25). Hier finden zweimal jährlich Auktionen im Frühjahr und Herbst statt.

Außerdem gibt es Repräsentanzen unter anderem in München, Hamburg, Zürich, London und New York.

SCHWERPUNKTE

Malerei, Zeichnung,

Grafik und Skulptur vom Impressionismus über den Expressionismus , neue Sachlichkeit bis hin zum Informel und der Kunst der jüngeren Vergangenheit .

1998 wurde das Angebot durch den Bereich Fotografie erweitert.

VORBESICHTIGUNG

Bis 1. Juni,

Sonnabend bis

Dienstag 10–18.30 Uhr, Mittwoch 10–17 Uhr.

VERSTEIGERUNGEN

Fotografie:

2. Juni, 14.30 Uhr

Ausgewählte Werke:

3. Juni, 17 Uhr

Kunst des 19. und

20. Jahrhunderts:

4. Juni, 10 Uhr

Third Floor – Schätzpreise bis 3000 Euro: 4. Juni, 15 Uhr

INTERNET

www.villa-grisebach.de

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