Kultur : Anonyme Diaboliker

Umjubelt im Theater am Kurfürstendamm: Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“.

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Foto: Bresadola/drama-berlin.de

Die beiden sind schon durch prominente Zweierhöllen gegangen. Als Hedda Gabler und Jørgen Tesman bei Ibsen. Als Marianne und Johan in den „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman. Und jetzt begegnen sich Katja Riemann und Peter René Lüdicke im Klassiker des Sofakrieges schlechthin, in Edward Albees Beziehungs-Bestiarium „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Schauplatz der Hausschlacht ist das Theater am Kurfürstendamm, Regie führt Amina Gusner, die Riemann und Lüdicke auch in den Fällen zuvor mit einigem Gespür durch die Minenfelder des vergifteten Miteinanders gelotst hat. Das kann ja heiter werden, also: lustvoll böse und bissig gut. Ein Fest für Voyeure der Scharmützel und des Scheiterns: Derlei beste menschliche Zerfleischungsqualität bietet Albee zeitlos-verlässlich, seit 1962.

Nicht, dass Amina Gusner die Erwartungen an dieses gut abgehangene Schauer-Stück der gefrorenen Gefühle vollends unterläuft. Aber sie erfüllt sie auch nicht – zumindest nicht gleich. Wie schon für die „Szenen einer Ehe“ schafft sie erstmal ein abstraktes Setting. Die Bühne von Johannes Zacher ist ein leerer Raum mit gepolsterter Sitzreihe, im Videohintergrund spiegelt ein Hochhaus die Wolken. Eine Atmosphäre von Flughafen-Wartehalle und Daseins-Transit. Das macht es den Schauspielern nicht eben leicht, auf Albees pychorealistische Höhe der Kunst abzuheben.

Das Freiflächenspiel erinnert an Jürgen Goschs formidable „Virginia Woolf“Inszenierung am Deutschen Theater, in der sich Ulrich Matthes und Corinna Harfouch nachhaltig beeindruckend bekriegt haben, ebenfalls in einem Tabula-rasaRaum. Aber es ist müßig, Gusner den Gosch vorzuhalten. So wie es längst nicht mehr weiterführt, jeder Albee-Aufführung mit Mike Nichols’ Richard-Burton-und-Elizabeth-Taylor-Verfilmung zu kommen. Nicht zu vergessen: was dem Stadttheater Regieexperiment ist, bedeutet für die unsubventionierte KudammBühne ein Wagnis. Hier werden Modernisierungen noch anders beargwöhnt als etwa am koproduzierenden Centraltheater Leipzig. Insofern: Respekt.

Zwischen Flaschengrüppchen auf rotierender Drehbühne beginnen Riemann und Lüdicke als Akademikerpaar Martha und George ihren alkoholbefeuerten Pas de deux für geübte Diaboliker, zu dem sie sich als Zaungäste und spätere Spielbälle den biederen Biologiedozenten Nick (Karim Cherif) und seine lammfromme Honey (Anne Haug) eingeladen haben - „Süße“ heißt diese zu übertriebenem Brandy-Konsum, Übelkeitsanfällen und Scheinschwangerschaften neigende Naive in der gewählten Übertragung von Alissa und Martin Walser. In der ersten Hälfte dieses ungleichen Matches, in der Martha und George sich vor entsetztem Publikum die Bosheiten so leichthin servieren wie andere Eheleute einander die Frühstückseier, setzt Gusner auf Unterspannung und Überzeichnung, auf frivole Körperkomik und Slapstick mit Schnaps. Bloß keine bequeme Einfühlung ins Kampfgeschehen! Das ist verständlich, macht aber aus dem Drama ein Kunst-Stück.

Nach der Pause gewinnt die Inszenierung schärfere Kontur. Da geht es auch bei Albee ans Mark der Lebenslügen, da wird das Märchen vom Sohn zerstört, den sich das kinderlose Paar in immer neuen Spielen imaginiert – und den George in einem finalen Akt der Grausamkeit sterben lässt. Katja Riemann und Peter René Lüdicke spielen das hervorragend – sie als rabiat verletzende Kratzbürste mit Restliebe im hintersten Herzen, er als vom Selbstekel fast erstickter Ex-Hoffnungsträger seiner selbst. So bleibt es, was es ist: ein großes Schauspielerstück. Viel Jubel. Patrick Wildermann

Wieder 20., 21., 26. bis 31. Dezember

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