Kultur : Anregung bei Dr.Caligari

NORBERT TEFELSKI

Seit annähernd sechzig Jahren durchpflügt Batman die nächtlichen Straßenschluchten von Gotham City, um mit allerlei raffinierten Bat-Utensilien das allgegenwärtig Böse in die Schranken zu weisen.Unter den vielen Zeichnern und Textern, die an der charakterlichen wie stilistischen Entwicklung des "dunklen Ritters" beteiligt waren, nimmt Frank Miller eine herausragende Position ein.Deutlicher als jeder andere arbeitete er den leidenden Neurotiker heraus, den ein traumatisches Kindheitserlebnis in die Rolle des gesetzlosen Supergesetzeshüters zwingt: Im Comicband "Das erste Jahr" muß der sechsjährige Millionärssohn Bruce Wayne zusehen, wie ein Straßenräuber seine Eltern ermordet - auf dem Rückweg vom Kino, wo die feine, kleine Familie soeben den Film "Im Zeichen des Zorro" gesehen hat.

In dieser Rückblende steckt ein augenzwinkernder Gruß an Bob Kane, der sich 1939 tatsächlich unter anderem von dem spanischen Maskenmacho zur Batman-Figur inspirieren ließ.Der dreiundzwanzigjährige Grafiker hatte erste Comic-Erfahrungen im Studio von Will "Spirit" Eisner gesammelt und versuchte sich damals seit zwei Jahren mit einer eigenständigen Serie zu profilieren - darunter bereits das Motiv des stinkreichen Gerechtigkeitsfanatikers.Aber erst mit Hilfe von Leonardos Flugmaschinenskizzen, Bela Lugosi als Dracula und dem seltsamen B-Picture "The Bat Whispers" wurde ein Batman daraus - anfangs noch mit überlangen Ohren, die ihn eher in die Nähe eines Bunnyman rückten.Auch einige der pittoresken Gangster haben Vorbilder in Hollywood: Nicht so recht nachvollziehbar, nannte Kane das frühe Sexbömbchen Jean Harlow als Leinwandverwandte von Catwoman, verblüffend deutlich dagegen ist im allseits beliebten Bösewitzbold Joker der deutsche Schauspieler Conrad Veidt ("Das Kabinett des Dr.Caligari") zu erkennen, der während seines Amerika-Aufenthalts in "The Man Who Laughs" lang und vor allem breit grimassierte.

Im Gegensatz zu Superman besitzt Batman keine übernatürlichen Kräfte, womit die Figur von vornherein ein größeres Konfliktpotential birgt.Nicht zuletzt dieser menschliche Aspekt bescherte ihm auf Anhieb so große Popularität, daß es Kane bereits ab 1941 nicht mehr nötig hatte, regelmäßig zu zeichnen und fürderhin vor allem seinen Namen bezahlen ließ.Mit offensichtlich mehr Spaß als Erfolg konzentrierte er sich im Zuge der Pop Art, Mitte der sechziger Jahre, auf großformatiges Malen seiner Gotham-Citizens.Am übermütigen, nachgerade satirischen Bat-Mummenschanz, der zu dieser Zeit als TV-Serie (plus Kinofilm "Batman hält die Welt in Atem") mit special Sprechblasen-effects amüsierte, nahm der Batpapa ebenso regen Anteil wie an allen Verfilmungen.So hatte er sich entsetzt über die Fehlbesetzungen des ersten Serials 1943 gezeigt: Der Batman-Darsteller war ihm zu fett, dessen jugendlicher Mitstreiter Robin zu alt, und das als Batmobil ausgegebene simple, graue Cabriolet, mit dem das "dynamische Duo" aus der Bathöhle flitzen sollte, hatte "soviel Ähnlichkeit mit dem Batmobil wie Shirley Temple mit Lana Turner".

Am vergangenen Donnerstag ist der wohlhabende Vater von Bruce Wayne alias Batman im wirklichen Leben gestorben - keines frühen, gewaltsamen Todes in Gotham City, sondern mit 82 Jahren in Südkalifornien.

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