Kultur : Anrichten eines Clowns

Manege frei: George Taboris „Warten auf Godot“ am Berliner Ensemble

Christine Wahl

Die Landstreicher Wladimir und Estragon, die zwei Akte lang aus nicht näher definierten Gründen und selbstverständlich ergebnislos auf einen Herrn Godot warten, mussten im Laufe ihrer reichlich fünfzigjährigen Theaterexistenz eine erschlagende Projektionswut über sich ergehen lassen: Wer sich an den modernen Klassiker wagt, steht vor einem gigantisch zugerümpelten Deutungsraum.

Dieses Problem hat George Tabori vor 22 Jahren genial gelöst: Er inszenierte „Warten auf Godot“ in den Münchner Kammerspielen so, als handele es sich um eine Theaterprobe. Die umwerfenden Schauspieler Peter Lühr (Estragon) und Thomas Holtzmann (Wladimir) saßen mit Textbüchern an einem großen Tisch, schlürften aus Kaffeebechern, reflektierten zwischendurch die eine oder andere Regieanweisung, und wenn Lühr seinem Kollegen die berühmte Frage stellte: „Warum gehen wir nicht?“, hielt Holtzmann statt der Antwort „Wir warten auf Godot“ mitunter einfach nur angenervt das Textbuch mit dem Stücktitel hoch. Taboris derart vom metaphysischen Deutungsballast befreite und gleichzeitig clever auf ihn verweisende Inszenierung gilt als legendär.

Kann man so etwas wiederholen, ohne es entweder schal zu recyceln oder sich selbst grandios zu unterbieten? Die erste heikle Frage, die bei der Premiere von Taboris neuerlicher „Godot“-Inszenierung über der Probebühne des Berliner Ensembles schwebte, ist gänzlich unheikel mit Ja zu beantworten: Man kann. Und wie!

Schon zur Zeit seiner Münchner Variante hatte der Regisseur unmissverständlich erklärt und versinnbildlicht, dass der Wartezustand als solcher für ihn absolut positiv, nämlich mit Hoffnung besetzt ist. Aus dem aktuellen „Godot“ nun könnte man geradezu den erbaulichen Schluss ziehen, dass ein amüsanterer Aufenthaltsort als die ewige Warteschleife gar nicht existiert unter dieser Sonne. Denn wer es noch nicht wusste, erfährt bei dieser Tabori-Inszenierung, dass „Warten auf Godot“ eine veritable Komödie ist; eine Clownsnummer – nicht krachledern, sondern mit wunderbar leichthändiger, zärtlicher Melancholie.

Die Bühnenbildnerin Etienne Pluss hat denn auch mit einer schön geschmacklosen türkisfarbenen Leuchtkette eine passende Manege auf der Spielfläche abgezirkelt. Daneben sitzen, Interpretationswütige mögen es als kleine Reverenz an die Münchner Inszenierung deuten, Tabori und seine Assistentin und Souffleuse Arna Aley und schauen Schauspielern zu, die man so gut lange nicht sah.

Estragon – wie sein Kompagnon Wladimir mit schwarzem Frack und Melone ebenfalls das gesammelte clowneske und vaudevillsche Zeichenrepertoire vor sich hertragend – wird in Michael Rothmanns Darstellung zu einem knuddelig-begriffsstutzigen Zeitgenossen, der seinem Partner wie ein gutgläubiges Kind an den Lippen hängt und dabei absolut traumwandlerisch der Gefahr entgeht, seine Figur ins Grenzdebile zu verraten. Wunderbar auch Axel Werner als Wladimir, dem aus jeder Pore und aus jeder Falte spricht, dass er bei allem, was er hinter sich hat, fest entschlossen ist, aus der Warteschleife namens Leben den besten Slapstick zu machen, der noch herauszuholen ist. Selbst der autistische Knecht Lucky (Roman Kaminsiki), den Beckett von seinem Herrn Pozzo an einer Leine vorwärts treiben und mit Aufforderungen à la „Denke, Schwein“ demütigen lässt, hat, permanent stumm vor sich hin philosophierend, eine unantastbare Denkerwürde. Und Gerd Kunaths vorzüglicher Pozzo goutiert das mit einer Grandezza, die in aller treffsicheren Schmierigkeit etwas Zärtliches, ja Liebevolles hat.

So weit, so vergnüglich. Stellt sich noch die zweite heikle Frage des Abends – ob man mit dieser Clownsnummer in einer bloßen Beckett-Oberfläche stecken bleibt. Und die ist wiederum völlig unheikel mit Nein zu beantworten. Denn dass sich Tabori der anderen Seite der lustigen Zirkusmetaphorik – des Abgehalfterten, des Halbseidenen, des Wissens um die Schäbigkeit der Attraktionen und Illusionen, die man da verkauft – sehr wohl bewusst ist, das spürt man jederzeit.

Wieder am 6., 9., 14. und 15. Februar

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