Kultur : Anschwellender Faustgesang

ULRIKE KAHLE

Hübsche Idee, den intellektuellen, germanischen Faust und den sinnlichen, romanischen Don Juan in einem Stück zusammenzubringen, den ewigen Forscher und Zweifler und den Genießer des Augenblicks.Es gibt auch durchaus Gründe, "Don Juan und Faust" auszugraben und zu spielen - 1829 geschrieben von diesem unglückselig zerrissenen, wütend nihilistischen Zeitgenossen von Goethe, Büchner, Byron und Brentano: Christian Dietrich Grabbe, dem Halbgenie mit Größenwahn, dessen berühmtester Stücktitel "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" durchaus programmatisch sein könnte auch für dieses Stück.

Wir sind in Rom, Don Juan will Donna Anna und schreckt mit Hilfe seines Dieners Leporello nicht vor zwei Morden zurück, am Bräutigam und Vater Donna Annas, um sie am Abend ihrer Hochzeit zu gewinnen.Doch da funkt Faust dazwischen, der das vergebliche einsame Grübeln und Streben nach Wissen satt hat: "Nichts glauben kannst du, eh du es nicht weißt, nichts wissen kannst du, eh du es nicht glaubst!" Zwecks besserer Erkenntnis schließt er einen Pakt mit dem schwarzen Ritter, einer Mephisto-Gestalt.Doch leider nur, um Donna Anna zu verfallen.Er entführt sie in ein Spukschloß auf den Gipfel des Montblanc, doch vergebens: Donna Anna liebt Don Juan.Faust tötet Anna, ergibt sich freiwillig dem teuflischen Ritter, und Don Juan samt Diener müssen auch in die Hölle.Ende.

Was da so kraus und kurios sich versgewaltig am dünnen Handlungsfaden entlang hangelt, hat ein durchaus ernstes Anliegen.Zwei Amokläufer kämpfen jeder auf seine Weise darum, die Unerträglichkeit des Seins erträglich zu machen: Faust mit der Leidenschaft des Geists, Don Juan mit körperlicher Leidenschaft.Grabbes Faust ist durchaus ironisch und reflektiert sein Deutsch- und Faustsein gleich mit.Aber auch Don Juan reflektiert recht munter und ist sich seines Mythos wohl bewußt, und damit fängt das Problem schon an - viel Gerede, wenig Taten.Ennui, Langeweile, Überdruß sind hier die herrschenden Gefühle, leider auch beim Publikum.Denn was hat die Regisseurin Thirza Bruncken gemacht? Sie hat versucht, Grabbes Weltüberdruß durch Stillstand und Unbeweglichkeit zu zeigen, seine Illusionslosigkeit als durchsichtiges Theater auf dem Theater zu inszenieren.Aber in einem so abscheulich häßlichen Bühnenbild aus Pappmaché, Kabeln und Plastikholz (Jens Kilian), daß es einem sofort die gute Laune verschlägt, kein Baum, kein Strauch, keine schöne Aussicht nirgends.

Darein verbannt sind Menschen, steif und possierlich wie Spielzeugfiguren - das ist immerhin ein Ansatz -, die aber leider nur wirken wie Schauspieler, die sich selbst karikieren: Peter Brombacher als alter Don Juan stakst steif und lächerlich und fuchtelt ungelenk mit seinem Degen, aber eben nicht steif und lächerlich und ungelenk genug, um komisch oder anrührend zu sein.Ilse Ritter als Ritter (ja!) versucht sich in aasigem Grinsen und ertränkt die Figur und sich in Manierismen.Die weibliche Besetzung soll wohl als verführerische Gegenfigur die in Sitte und Moral und grauen Sätzen wirklich trostlos gefangene Donna Anna (Oda Thormeyer) kontrapunktieren.Wieder ein schöner Ansatz, der durch das mangelnde Spannungsverhältnis der Figuren in sich zusammenbricht.Ihr bald gemeuchelter Bräutigam Martin Horn darf hübsche Beine zeigen im historischen Kostüm und sonst nichts.Wolfgang Thiemes Faust fällt auf durch Unbeweglichkeit und donnerndes Satzgetöse.Vor der vergebens geliebten Donna Anna sitzt er wie vor einem Fernseher - passiv, schwerfällig, der deutsche Geist, gefangen in sich selbst.Einzig Wolf Bachofner als Leporello ist komödiantisch durch und durch und ein Vergnügen - das liegt sicher auch an Grabbe, der diese Figur nun wirklich mit Scherz und Ironie ausstattete, zudem hat die Regisseurin Herr und Diener dem Torenpaar Don Quijote und Sancho Pansa eindeutig nachgebildet, was zumindest optisch gut bekommt.Peter Brombachers Don Juan thront recht hübsch auf dem Torso eines Pferdes auf Rädern, ein Spielzeugmajor, der mit dem Degen fuchtelt und sich an Worten berauscht, ein graumähniger, überfressener, doch ewig hungriger alter Kater, dessen Augen manchmal schalkhaft blitzen, der aber leider den Sprung in die Stilisierung, in wirkliche Komik oder in einen wirklichen Menschen nicht schafft.

Tatsächlich scheinen alle ziemlich allein gelassen von der Regie.Es gibt in diesen so fleißig durchdachten zweieinhalb Stunden nur wenige nicht empörend langweilige Momente.Etwa wenn Faust, im modernem Anzug wie festgeklebt im Drehstuhl, seine Weltenklage anstimmt, immer lauter und intensiver wird nur mit der Stimme, anschwellender Faustgesang, dann plötzlich abgeht wie ein Mime, der jetzt Beifall will - und ihn bekommt -, wiederkehrt und weitermacht.Oder wenn die Bildsäule des Gouverneurs in weißem Gips zu Don Juans letztem Mahl hereinrollt und Werner Rehm mit nacktem Oberkörper ganz selbstverständlich hereinkommt, als Unsichtbarer ganz kunstlos sitzt und redet, wenn er versucht, Don Juan zur Reue zu überreden.Und Don Juan darauf besteht, er selbst zu sein und zu bleiben, und lieber in die Hölle fährt.

Übrigens hat Gustaf Gründgens 1959 hier am Schauspielhaus auch dieses merkwürdige, mal papierene, mal vorwärts stürmische und mal ironische Stück inszeniert - mit Werner Hinz als Faust und Will Quadflieg als Don Juan.Schon damals stellte ein Rezensent die Frage: "Soll man, muß man, darf man heute Grabbe spielen?" So jedenfalls nicht.

Wieder am 19.und 24.März, 6.April

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