Anselm Kiefer wird 70 : Ackerkrume in Aschgrau

Kämmerer der Erinnerung: Dem Künstler Anselm Kiefer zum 70. Geburtstag.

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Eigenwillig. Der Künstler Anselm Kiefer.
Eigenwillig. Der Künstler Anselm Kiefer.Foto: picture alliance / dpa

Grau ist die Farbe von Anselm Kiefer, als Blei liegt sie in seinen Regalen oder als ein vom Himmel geholter Vogel auf dem Boden. Beide Werke, der aus Bleiplatten zusammengeflickte Düsenjet „Mohn und Gedächtnis“ und die gigantische Bibliothek „Volkszählung“, standen eine halbe Ewigkeit in der Eingangshalle des Hamburger Bahnhofs. Ein Entree von unglaublicher Wucht, das jeden beeindruckte. Bis es vorbei war mit der Wirkung, weil man das Duo zu oft gesehen hatte.

Ein Prozess, so zwangsläufig wie das Auf und Ab der Wertschätzung, die Kiefers Werk bis heute erfährt. Anfang der achtziger Jahren passte es wunderbar zum wieder erwachenden Interesse an einer künstlerischen Subjektivität. Kiefer, der heute 70 Jahre alt wird, präsentierte monumentale Gemälde wie seine „Parsifal“-Serie, in der er zerbrochene Schwerter in Räumen aus dunkler, schwerer Eiche arrangierte. Andere Bilder zeigen Ackerfurchen mit echten Krumen oder auf der Leinwand klebende, verdorrte Sonnenblumen. Kiefer schreibt Namen wie Friedrich Hölderlin und Richard Wagner in seine Malerei und öffnet so Kammern, in denen die Deutschen ihre Erinnerungen aufbewahren. Alte Mythen, unbequeme junge Geschichte, Figuratives: Die Mischung wirkte anziehend, aber eben auch verdächtig.

Kiefers Geschichtsbild so gebrochen wie seine Malerei

Drei Jahre lang war er Student von Joseph Beuys an der Kunstakademie in Düsseldorf. Sie diskutierten, Kiefer zeigte seine Arbeit, ließ sich dann allerdings nicht auf die soziale Plastik ein. Sein Blick ging weiter zurück in das 19. Jahrhundert, wo er das Historienbild für sich entdeckte. Ein beschädigtes Genre, weil Geschichte schon damals nicht mehr in Bildern zu erklären war. Kiefer interessierten auch keine siegreichen Schlachten oder Krönungszeremonien. Er wollte wissen, was sich aus dem Format machen ließ, inszenierte sich selbst mit großdeutschem Gruß oder als königlich bayerische Wasserleiche Ludwig II. Das Urteil fiel schnell: falsches Heroentum.

Dabei ist Kiefers Geschichtsbild so gebrochen wie seine Malerei. 1945 kam er in Donaueschingen im Schutzkeller eines Krankenhauses auf die Welt. Die Eltern steckten ihm Wachs in die Ohren, um das Geheul der Sirenen zu dämpfen. Seine Kindheit zwischen Trümmern hat der Künstler als Transit empfunden – als Weg zu etwas Neuem, für das man das Gewesene nicht zuschütten darf. Asche ist für ihn ein „wunderbares Medium“, das Anfang und Ende symbolisiert, die jüdische Kabbala ebenso ein Thema wie die Bibel. Im Ausland wurde er dafür als Künstler gefeiert, der sich endlich mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt. Berührend und gleichzeitig intellektuell. Schon 1978 würdigte ihn das Van Abbemuseum in Eindhoven mit einer großen Einzelausstellung, 1980 nahm er an der Biennale in Venedig teil. Es folgten Los Angeles, New York, Chicago. 1990 erhielt Kiefer den Kaiserring Goslar, im Jahr danach hatte er eine Soloschau in der Berliner Nationalgalerie. Dreimal war sein Werk auf der Documenta zu sehen, aber auch die Diskussionen hielt an. Als ihm der französische Kulturminister 1992 den Umzug und gleich ein paar Grundstücke zur Auswahl anbot, zog Kiefer in eine ehemalige Seidenfabrik in Südfrankreich nahe Nimes. Und während sich ein Sammler das Gemälde „Säulen“ den Rekordpreis von 638 000 US-Dollar kosten ließ, grub sich der Maler immer tiefer ein, baute an seinem gigantischen Atelier – unter der Erde.

Die Sammler sind ein anderes, zwiespältiges Thema in Kiefers Biografie. Erich Marx, dem die beiden Werke aus dem Hamburger Bahnhof gehören, schätzt ihn ebenso wie Hans Grothe. Der gab 2012 zwei Dutzend Werke für eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle, die die Schau als große Retrospektive bewarb, obwohl sie sich ausschließlich aus der Privatsammlung speiste. Die Ausstellung geriet zum Skandal, Kiefer reagierte verletzt und wollte im Herbst desselben Jahres nicht einmal mehr ein Buch in Berlin vorstellen. Hier war zuletzt im Martin-Gropius-Bau mit der Installation „Die Buchstaben“ eine große, neue Arbeit zu sehen. Sonst muss man nach Duisburg in das von Grothe gegründete Museum Küppersmühle fahren.

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