Kultur : Ansichten eines Fauns

London Calling: Die Tate Modern würdigt Martin Kippenberger in einer großen Retrospektive

Nicola Kuhn

Sein Lebenslauf liest sich wie eine einzige Reiseroute, fast jedes Jahr eine andere Adresse, ein anderes Land: Köln, Hamburg, Frankfurt, Los Angeles, Spanien, Brasilien, Österreich. Überall hat er Ausstellungen gemacht, seine Spuren hinterlassen – und dort Fundstücke seiner Odyssee in sein Werk integriert. Martin Kippenberger (1953 bis 1997) war ein Rastloser, im Leben wie in der Kunst. Und doch hatte er ein Talent, an jedem neuen Wohnort heimisch zu werden, mit Menschen Freundschaft zu schließen oder sie in seinen Bann zu ziehen.

Ausgerechnet in London, einem der wichtigsten internationalen Umschlagplätze für die Kunst, aber sollte ihm das nicht gelingen. Einzige Ausnahme: eine kleine Galerieausstellung Ende 1991, die kaum Beachtung fand. Sie wurde nur deshalb von einer Boulevard-Zeitung bemerkt, weil die damalige Galerie-Direktorin, Lady Windsor, zur gleichen Zeit prominent heiratete. Der „Daily Mirror“ nahm das zum Anlass, Objekte aus Kippenbergers Ausstellung mit Preisschildern abzudrucken. Dem Bräutigam wurde als sarkastische headline in den Mund gelegt: „Have an art, Helen! Well, would you like one of these as a wedding present?“ Kippenberger, der Spaßvogel und große Wortspieler in der Kunst, nahm es mit Humor. Er integrierte eine Fotografie der Seite kurzerhand in seine nächste große Ausstellung, im Centre Pompidou in Paris.

Er selbst hat es nicht noch einmal versucht mit den Briten. Neun Jahre nach seinem Tod übernimmt dies nun die wichtigste Institution des Landes für zeitgenössische Kunst: die Londoner Tate Modern mit einer 200 Werke umfassenden Retrospektive. Sie ist exakt in jenen Räumen zu sehen, wo ein Jahr zuvor die große Beuys-Ausstellung stattfand, als dessen Nachfolger – zumindest in seiner Bedeutung für die deutsche Nachkriegskunst – Kippenberger nun gepriesen wird. Damit ist offiziell im englischen Kunstbetrieb angekommen, was international längst als common sense gilt. Einzig Mega- Sammler Charles Saatchi war schneller, als er im Vorjahr mit Kippenberger-Bildern „The Triumph of Painting“ deklarierte. Der Marktstratege trennt sich allerdings Ende dieser Woche bei den Londoner Auktionen wieder von zwei Werken.

Kaum ein Künstler dürfte kurz nach seinem viel zu frühen Tod so viele Ausstellungen bekommen, solche Preissteigerungen erfahren haben. Trotzdem versucht die Tate Modern nach dem Hype und den akribischen Untersuchungen einzelner Aspekte wie etwa den Selbstporträts einen eigenen Blick. Sie versteht sein mäanderndes Werk, das Malerei, Skulptur, Musik, Fotografie, Installation, Buchgestaltung und Ausstellungsorganisation umfasst, als einen einzigen konzeptuellen Ansatz. Diese Erkenntnis ist in der Kippenberger-Rezeption nicht neu, nur haben sich Kuratoren in der Vermittlung dieser These bislang noch nicht versucht. Keine leichte Kost also für das britische Publikum gleich in der ersten Nachholstunde: nicht Kippenberger nach Genres sortiert oder häppchenweise, sondern dieses geliebte enfant terrible, diesen quecksilbrigen Zampano der Kunst komplett.

Bis heute fällt es schwer, zu begreifen, dass sich das Multi-Talent gleichzeitig demontierte und doch gezielt für seinen Nachruhm schuf, dass dieser Quertreiber konstant sein eigenes Werk, ja den gesamten Kunstbetrieb lächerlich machte – und bei aller Ironisierung trotzdem an den Künstlerheros glaubte. Die erste Nuss zu knacken gibt es gleich im Entree mit vier Bildern der Serie „Lieber Maler, male mir“ von 1981. Sie stammen von einem Berliner Plakatemaler – „Herr Werner“ –, der sie im Auftrag des Künstlers schuf. Ein Querformat zeigt ihn selbst als gut gekleideten Dandy in einem Sperrmüll-Sofa an einer New Yorker Straßenkreuzung sitzend. Schlagartig bringt der Künstler hier die Verhältnisse zum Tanzen: Ist das nun originale Kunst? Oder doch nur Nepp von fremder Hand? Ist das der Aufstieg oder Absturz? Macht Kippenberger hier den Clown? Oder ist er der seriöse Künstler wie im Bild? Ist das nun eine schallende Ohrfeige für die gerade bejubelte Wiedergeburt der neo-expressionistischen Malerei? Oder ein Statement für die Vermischung aller Medien, die totale Kunsterweiterung? Die Pointe der Geschichte: Die Antwort auf alle diese Fragen lautet Ja.

Die permanente Sprunghaftigkeit der Perspektive ist das Kontinuum in Kippenbergers Werk. Dass er in London trotzdem nicht mit tausend Zungen spricht, sondern mit einer einzigen Stimme, liegt an den klaren, gradlinigen Räumen der Tate Modern und der präzisen Hängung. Chronologisch verfolgt sie das Schaffen und teilt es trotz des ganzheitlichen Ansatzes in Kapitel ein: Malerei, Skulptur, Zeichnung, Buch-, Plakateproduktion und am Schluss die große Installation, das opus magnum „The Happy End of Franz Kafka’s ,Amerika’“. Kippenberger erweist sich als genialer Recycler eigener Ideen, zugleich als Aneigner fremder Strategien. Sein Werk ist ein Schlagabtausch mit den Größen der Kunstgeschichte: Mal bekommt Picasso einen übergebraten („Jacqueline: the paintings Pablo couldn’t paint anymore“), mal werden die Minimalisten parodiert („Nicht zuhause schlafen müssen“ mit einem kurzbehosten Kippenberger in einer Landschaft farbiger Balken), dann wird die Malerei komplett durch den Kakao gezogen (mit einer Styropor-Farbwurst auf Leinwand unter dem Titel „Werner, ein stolzer Wurm“).

All die Spiegelfechtereien, all diese voller Wortwitz („Ende der Avantgarde“) und Bildhumor („Sympathische Kommunistin“) steckenden Rempeleien kreisen letztlich um einen Kern, und das wird in dieser Retrospektive deutlicher denn je: die Selbstvergewisserung des Künstlers. Was als Joke mit dem ersten Ausstellungsbild begann, der Selbstinszenierung an einer New Yorker Straßenkreuzung und bereits die eigene Hinterfragung enthielt, setzt sich zeitlebens fort. Mal unmittelbar in den tragisch anmutenden Selbstporträts von 1988, die ihn als finstere Figur in übergroßer Unterhose vor seinen gerade neu entstehenden Skulpturen zeigen. Dann wieder durch die Kraft der Leere. Die vierzig verschiedenen Tische mit gegenüber gestellten Stühlen der Installation „The Happy End of Franz Kafka’s ,Amerika’“ imaginieren Gesprächssituationen mit dem Künstler. Hier präsentiert sich ausdrucksmächtig das Werk allein, jenseits der vielen Legenden um die Figur. Auf einen Schlag ist in der Tate Modern nun der ganze Brocken, die Komplexität eines unüberschaubaren Oeuvres abgeladen – und erscheint doch in der Person des Künstlers wieder einsam und klein. Sein Wirken, seinen Einfluss macht das nicht geringer. „Have an art, London!“

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