Kultur : Anstifterin zum Stiften

Helmut Caspar

Wenn die Berliner Verlegerin und Kulturmäzenin Ruth Cornelsen auf das Schloss Niederschönhausen in Pankow zu sprechen kommt, funkeln ihre Augen. Es ist ein Glitzern unbestimmter Art, denn sie hat mit dem Thema keine guten Erfahrungen gemacht. Es geht um die ehemalige Residenz der von Friedrich dem Großen getrennt lebenden Königsgemahlin Elisabeth Christine und um die, die sich heute von Amts wegen um den Bau kümmern müssten. Um den Berliner Senat also.

Die Geschichte ging mit dem Rokoko-Bau im schönen Pankower Park nicht gerade sanft um. Immerhin blieb die Residenz erhalten und besitzt eine erstaunlich große originale Ausstattung. Während 1950 das Stadtschloss dem Bildersturm geopfert wurde, richtete sich DDR-Präsident Wilhelm Pieck am ehemals königlichen Ort ein. Und "Pankow" wurde im Westen zum politischen Schmähwort. Als Pieck starb, avancierte das Schloss zum Regierungsgästehaus. Nach dem Ende des SED-Regimes hatte es keine Funktion mehr und ging in den Besitz des Landes Berlin über. Die Preußische Schlösserstiftung hätte es gern als nunmehr 32. Schloss, doch tut sich nichts, denn die Renovierung kostet viel Geld.

Ruth Cornelsen möchte dafür zwei Millionen Mark aus der Cornelsen-Kulturstiftung zur Verfügung stellen, die sie anlässlich des 50-jährigen Verlagsjubiläums 1996 als Hommage an den Firmengründer Franz Cornelsen ins Leben gerufen hat. Dies in der Erwartung, dass der Berliner Senat mitzieht. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen winkte ab, sein Nachfolger Klaus Wowereit konnte mit dem Problem noch nicht konfrontiert werden. "Aber ich lasse nicht locker. Es wäre nicht nachvollziehbar, wenn das Land Berlin ein solches Angebot ausschlägt", sagt Ruth Cornelsen kämpferisch. In Brandenburg sei man viel aufgeschlossener. Dort wisse man solche natürlich immer auch mit Lasten verbundenen Offerten zu schätzen und entscheide sich zur Mitfinanzierung. "Berlin hinkt dem noch sehr hinterher. Der Denkmalpflege, die gern mitzöge, sind die Hände wegen der vertrackten Finanzen gebunden." Ob sich unterm Ampel-Senat etwas ändert?

Missachtung, wie sie der Berliner Senat an den Tag gelegt hat, kann die Mäzenin tief empören. Umso erfreuter nimmt Ruth Cornelsen morgen in Erfurt die "Silberne Halbkugel", den renommierten Preis des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, entgegen. Mit dem Preis wird ihr Engagement für die Erhaltung gefährdeter kulturhistorischer Bauten in Berlin und Brandenburg gewürdigt. Dies geschieht vornehmlich mit größeren Summen, nicht in kleiner Münze. Ruth Cornelsen will - wiederum als Hommage an ihren Mann - "Spuren hinterlassen", aber auch Beispiel geben für Bürgerengagement und die Bereitschaft zu dem, was man heute public private partnership nennt. "Insofern empfinde ich mich als Anstifterin zum Stiften."

Sie ist eine so energische wie zarte Dame, dezent kultiviert und zugleich sehr bestimmt. Fragen nach dem Alter lehnt sie ab - und alles, was sie über ihr privates Engagement in der Öffentlichkeit hinaus zur öffentlichen Person machen könnte. "Ich möchte mit meinen Enkelkindern auch künftig sicher und unbehelligt über die Straße gehen können." Sie stammt aus dem Rheinland und war in zweiter Ehe mit dem Schulbuchverleger Franz Cornelsen verheiratet.

Noch heute empfindet sie es als besonderen Schmerz, dass ihr Mann kurz vor dem 9. November 1989 starb und so die Öffnung der Mauer nicht mehr erleben konnte. Wenn sie in ihrem Arbeitszimmer im Verlag in der Mecklenburgischen Straße in Wilmersdorf mit leiser Stimme, doch jederzeit fast druckreif spricht, dann hat sie vier Wandfotos des Gatten im Rücken. Die ausgesuchten Möbel sind barock - und sie liebt Barock- und Kammermusik, stiftet auch schon mal einen Flügel von Steinway und vergibt regelmäßig einen Cornelsen-Förderpreis für besondere Leistungen in den naturwissenschaftlichen Fächern Physik, Biologie, Chemie und Mathematik.

Immer wenn ein Gebäude, in dessen Restaurierung die Cornelsen-Kulturstiftung hier mal eine halbe, da eine ganze Million, dort einige hunderttausend Mark gesteckt hat, eröffnet wird, steht Ruth Cornelsen im Hintergrund. So war es beim Schloss Caputh, dessen Deckengemälde und Außenfassade die Kulturstiftung restaurieren ließ, so war es kürzlich erst bei der Einweihung der Loggia Alexandra auf dem Böttcherberg in Klein-Glienicke oder beim Marmorpalais in Potsdam, wo der kostbare Parkettfußboden erneuert wurde, weil Ruth Cornelsen, die Musikliebhaberin, es als störend empfand, dass da ein dicker Sisalteppich lag, der die Akustik bei Kammerkonzerten beeinträchtigte. In den Genuss von Fördermitteln kamen auch die Paretzer Tapeten, der bedeutendste Schatz des Landsitzes Friedrich Wilhelms III. und seiner Gemahlin Luise vor den Toren Potsdams. Für die Wiederherstellung der Tier- und Landschaftsmalereien und weitere Maßnahmen stellte die Cornelsen-Kulturstiftung 1,7 Millionen Mark bereit. Dies jedoch mit der Bedingung, dass das Land die nach 1945 arg verschandelten Schlossräume in historischer Gestalt rekonstruiert.

"Dass dieser zunächst als unmöglich angesehene Plan Wirklichkeit wurde, ist mein bisher glücklichstes Erlebnis. So etwas könnte, nein müsste auch in Berlin mit dem Schloss Schönhausen geschehen. Mein Angebot steht." Mit anderen Berliner Objekten gehe es besser voran, aber nur, weil wie im Fall der mittelalterlichen Heilig-Geist-Kapelle, potente Mäzene, die Humboldt-Universität und eben auch die Cornelsen-Kulturstiftung Geld locker machen und nicht warten, bis irgendwann Vater Staat seine Pflicht tut. "Wenn wir so lange warten, steht nichts mehr", ist die Verlegerin überzeugt.

Viele Objekte warten auf Hilfe und bekommen sie - die Orgel in der Potsdamer Friedenskirche erhält einen neuen Klang, der Wasserfall im Glienicker Schlosspark wird wieder zum Sprudeln gebracht, die Ruine der Franziskaner Klosterkirche in Berlin-Mitte wird restauriert. Wenn Ruth Cornelsen morgen die "Silberne Halbkugel" erhält, dann sieht sie darin auch ein Symbol. Noch hat sie ihre Ziele, sozusagen die fehlende andere Hälfte, nicht erreicht, aber ein guter Anfang ist gemacht.

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