Kultur : Anstoß zum Blickwechsel

Die alten Klischees gelten für Polen nicht mehr.

Tomasz Kurianowicz

In den vergangenen Wochen wurde vor allem über das Demokratiedefizit der Ukraine diskutiert, über die Haftbedingungen von Julia Timoschenko und die fatale Lage der dortigen Opposition. Darüber ist aus dem Blickfeld geraten, dass gleich nebenan Polen, das zweite Austragungsland der Europameisterschaft, sich in ein Musterland demokratischer Beständigkeit verwandelt hat.

Nach 23 Jahren der Transformation sehen wir ein Land mit einem funktionierenden Parlament, etablierten Parteien und einem starken Rechtsstaat. Fans und Journalisten reisen in ein Land, in dem das Fußballfieber flächendeckend entbrannt ist und das für Gastfreundschaft sorgt. Während im Westen noch die Skepsis überwiegt, hoffen 38 Millionen Polen darauf, dass Europa die Mühen zur Kenntnis nimmt, die ganz Polen trotz einer schwierigen global-ökonomischen Lage vollbracht hat.

Das polnische Improvisationstalent, das manchmal nur ein anderer Ausdruck für kreatives Chaos ist, war zwar auch bei den Vorbereitungen zur Europameisterschaft zu spüren. Man mag nun unzufrieden sein mit dem Zustand der polnischen Bahn, sich beschweren, dass nicht alle Autobahnen bis zur letzten Planke fertig geworden sind – und doch war das Engagement enorm. Alle EM-Städte, und nicht nur diese, sind in ihrer historischen Substanz so gut wie vollständig restauriert. Die Infrastruktur der Hotels und Flughäfen ist vorbildlich.

Angesichts dieser Anstrengung war die Berichterstattung im Westen nicht immer gerecht. Es scheint fast, als hätten die negativen Schlagzeilen aus der Ukraine auf Polen übergegriffen. Der Höhepunkt war eine Sondersendung der BBC, in der englische Fans gewarnt wurden, nicht nach Polen einzureisen, weil Gefahr von gewaltbereiten, faschistischen Hooligans drohe. Auch Frank Plasberg in „Hart aber fair“ erweckte jüngst den Eindruck, in Warschau würden ganze Schlägertrupps auf deutsche Fans warten, um sie durch die Stadt zu jagen.

Zweifellos gibt es in Polen noch immer Defizite im Umgang mit Hooligans – gerade in Krakau, wo zwei rivalisierende Fußballklubs aufeinandertreffen, und in Lódz, wo die Armut so himmelschreiend groß ist, dass die Perspektivlosigkeit regelmäßig in Gewalt umschlägt. Diese Kriminellen wurden nicht mit der nötigen Härte verfolgt. Und doch sieht die Situation während der EM anders aus: Der Staat ist vorbereitet. Außerdem findet in den polnischen Medien, an Schulen und Universitäten eine intensive Diskussion darüber statt, wie man der Gefahr von rechts gegenübertreten sollte.

Der Westen ist jetzt eingeladen, alte Stereotype über Bord zu werfen. Vielleicht wird nach dem heutigen Eröffnungsspiel im Warschauer Nationalstadion der Funke überspringen. Selbst der politische Dissonanzen gerne instrumentalisierende Vorsitzende der PiS-Partei, Jaroslaw Kaczynski, hat versprochen, während der Spiele politischen Frieden walten zu lassen und keinen Streit mit Ministerpräsident Donald Tusk zu suchen. Ein solches Entgegenkommen haben die Polen lange nicht erlebt.

Heute ist der richtige Tag, es dem streitlustigen Kaczynski gleichzutun und die Einmaligkeit dieser EM zu würdigen. In Warschau, wenn Griechenland gegen Polen antritt, wird man Zeuge werden, wie der Osten Europas ein weiteres Stück nach Westen rückt. Das ist ein großes, historisches Glück. Tomasz Kurianowicz

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