Kultur : Antennen in alle Welt

Bernhard Schulz

Die Ankündigung des Pariser Kunst- und Kulturzentrums Centre Pompidou, in Berlin eine Dependance zu eröffnen und dafür ab 2004 den vom Ägyptischen Museum genutzten Stüler-Bau gegenüber von Schloss Charlottenburg zu nutzen, hat an der Spree kaum Resonanz gefunden. Man führe zwar Gespräche, wiegelte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ab, doch sei nicht erkennbar, wie die Finanzierung einer solchen - in französischem Jargon "Antenne" genannten - Filiale gesichert werden könnte.

Der Pariser Vorstoß nach Berlin mag, für sich genommen, ein kleines Ereignis sein. Er ist allerdings Ausdruck eines strategischen Denkens, das in der Berliner Kulturpolitik stärker denn je vermisst wird. Jean-Jacques Aillagon, als Präsident des Centre Pompidou ein geborener Kandidat für höchste kulturpolitische Ämter, erläuterte seine Pläne mit dem Hinweis auf das zusammenwachsende Europa der EU. Deren Ostgrenze wird in einigen Jahren nicht mehr an der Oder verlaufen, nur 80 Kilometer von Berlin entfernt, sondern viel weiter östlich an den Grenzen zu Russland. Aillagons Hinweis, dass von Berlin aus ein großes potenzielles Publikum zu erreichen sei, entspricht dem geopolitischen Denken Frankreichs. In Berlin hingegegen ist auch ein reichliches Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung nicht zu erkennen, wie die Stadt mit der enormen Chance ihrer Lage als der "östlichsten Metropole des Westens" offensiv umgehen will.

Eine Vertiefung der Kontakte zwischen den beiden Städten, wie sie sich in dem Pompidou-Vorstoß äußert, verlangt auf Berliner Seite jedenfalls einen energischen Willen. Gewiss, Paris ist nicht mehr die Welthauptstadt der Kunst, aber trotz der machtvollen Konkurrenz von New York und London eine der künstlerischen Metropolen der Welt. Der Ableger in Berlin, so Pierre Rosenberg, bis 2001 Direktor des Louvre, sollte auch ein Schaufenster französischer Kunst sein, die in Deutschland kaum noch zur Kenntnis genommen werde. Besonders am Herzen liegt ihm die Kenntnis der älteren Kunst. Auch Thomas Gaehtgens, der als Gründer und Leiter des "Deutschen Forums für Kunstgeschichte" in Paris ein Mittler von eminenter Wirkung ist, verlangt Aktivitäten im Bereich der älteren Kunst - und beklagt, dass hochrangige Ausstellungen dieser Art zwischen Paris und etwa dem New Yorker Metropolitan Museum ausgetauscht werden, an Berlin aber meist vorbeigingen.

Die Eröffnung des Centre Pompidou vor genau 25 Jahren markierte den bewussten Anschluss an eine Gegenwart, die Paris aus selbstverliebter Nostalgie aus den Augen verloren hatte. Ein durchaus ähnliches Ausrufezeichen setzte Paris soeben mit der Eröffnung des Palais de Tokyo als "Ort des zeitgenössischen Schaffens" - eine Kunsthalle, die zugleich ein Ort der künstlerischen Produktion sein will.

Das ganz alltägliche Leben

Aus der Not haben die Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal eine Tugend gemacht. Die Not bestand darin, dass das zur Weltausstellung von 1937 errichtete Gebäude in den vergangenen Jahren durch ein kontroverses und schließich ergebnislos abgebrochenes Umbauvorhaben als Bauruine zurückgeblieben war - äußerlich als neoklassizistisches Bauwerk intakt, im Inneren entkernt. Die Architekten haben daraus die Tugend eines fließenden Raumkontinuums gemacht, das zwar Kunstausstellungen zeigt, mehr aber noch eine Stätte von Produktion und Veränderung sein will, ja im Grunde die alte Utopie "Kunst gleich Leben" anpeilt. So ist die Cafeteria ohne Abgrenzung in einen Hallenteil gestellt, auch ein Auditorium fehlt nicht, in dem "häufig gestellte Fragen" beantwortet werden sollen. Die seit der (Neu-)Eröffnung des Palais de Tokyo am 18. Januar gezeigten Installationen bewegen sich in jenem Zwischenbereich, der die experimentelle Gegenwartskunst kennzeichnet: zwischen allen Gattungen, dabei Malerei und Video und Skulptur einschließend und vermischend, und zwischen allen Themen, die von einer Fotoarbeit über Müll in Afrika bis zum Plastik-Verkaufsstand und schließlich einem raumhohen Papierkorb voller Wohlstandsgüter reichen. Dass die Herkunft der Künstler weltumspannende Internationalität spiegelt, versteht sich von selbst.

Das Konzept des Palais haben zwei Kunstkritiker entwickelt, Niclas Bourriaud und Jérôme Sans, deren Amtszeit von vornherein begrenzt ist. Der ständige Wandel, der das Erscheinungsbild der Hallen nicht im festen Wechsel von Ausstellungen, sondern in einem spontanen, kurzfristigen Austausch jeweils einzelner Werke prägen wird, soll die Institution insgesamt kennzeichnen.

Die beiden Franzosen haben sich gründlich in den Berliner Kunst-Werken umgesehen und peilen eine Partnerschaft an, die sich, rechnet man die enge Anbindung der Kunst-Werke an das New Yorker P.S.1 hinzu, über drei der führenden Produktions-Stätten der Gegenwartskunst erstrecken wird.

Ganz offensichtlich wollte das an Museen so reiche Paris einen Ort künstlerischer Produktion gerade im Zentrum schaffen - und hofft wohl auch ein wenig auf die urbane Wirkung, die das Centre Pompidou seit einem Vierteljahrhundert ausübt: die Belebung und Verjüngung eines ganzen Quartiers. Bis Mitternacht hat das Tokyo geöffnet und lockt mit der Rundumversorgung von Restaurant, Bar, Buchladen und abendlichen Veranstaltungen inmitten der Kunst. Das Palais de Tokyo kennt keine Bevorzugung französischer Kunst mehr, wie sie selbst beim Pompidou trotz aller Internationalität immer wieder zu spüren ist.

Von Hauptstadt zu Hauptstadt

Die jüngsten Neuordnungen der Bestände des Nationalmuseums moderner Kunst auf der dritten und vierten Etage des Centre haben die strikte Internationalisierung, die Interims-Direktor Werner Spies von 1997 bis 2000 dem Haus verordnet hatte, wieder zugunsten vermeintlich unterrepräsentierter französischer Strömungen zurückgenommen. Spies, der seit 40 Jahren in Paris lebt und einer der wichtigsten deutsch-französischen Kulturvermittler ist, macht auf einen interessanten Aspekt der Beziehungen zwischen Paris und Berlin aufmerksam. 1978 fand die sensationelle Epochenausstellung "Paris - Berlin" im Pompidou statt, die Spies quasi aus dem Stand konzipierte und mit herausragenden Leihgaben bestücken konnte - aber es fehlte Berlin als politisch gleichrangiger Partner. Erst jetzt, als Hauptstadt, wird Berlin von der Seine aus als Partner und Pendant wahrgenommen. Nun wäre Gelegenheit, diese Sicht mit Projekten wie dem Pompidou-Ableger in Charlottenburg zu unterfüttern.

Bei einem weit größeren Vorhaben wird Berlin auf Paris als den Vorläufer eigener Planungen schauen. In unmittelbarer Nähe des Eiffelturms entsteht am Seine-Ufer das Musée du quai Branly. Es stellt das einzige kulturelle Grand projet Staatspräsident Chiracs dar: ein "Museum der Künste und der Zivilisationen", das aus den Beständen des bisherigen "Museums der afrikanischen und ozeanischen Künste" - einem Überbleibsel der "Kolonialausstellung" von 1931 - sowie mit den Ethnographica des "Museums der Menschheit" bestückt werden soll. Es geht um eine nicht länger okzidentale Sicht auf die Kulturen der Welt, sondern um deren gleichberechtigte Präsentation als Weltkunst. Einen Vorgeschmack liefert seit zwei Jahren eine kleine, 120 Spitzenstücke umfassende Abteilung im Louvre - in dessen äußerster Ecke. Viele Mitarbeiter verhehlen nicht, dass ihnen die außereuropäischen Objekte als Fremdkörper im Rahmen der abendländischen Kunst erscheinen.

Für den Bau des neuen Museums am Quai Branly setzte sich Stararchitekt Jean Nouvel durch und wird jetzt für rund 140 Millionen Euro ein auch architektonisch höchst bemerkenswertes Haus schaffen, das in der Geschichte des Museumswesens eine Zäsur setzen wird. Die Verfechter des Berliner Vorhabens, die außereuropäischen Kulturen aus ihrer Dahlemer Idylle herauszulocken und in eine Schloss-Replik in die Mitte der Stadt zu führen, dürften das Pariser Projekt mit größtem Interesse begleiten.

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