Kultur : Anthrax-Alarm: Die alarmierte Gesellschaft

Silke Becker

In dem Labor in Jena waren sie überfordert. Die Probe lag dort tagelang herum, bevor die Wissenschaftler überhaupt anfangen konnten. Dazwischen lagen Feiertage, ein Wochenende und vor jeder Untersuchung werden die verdächtigen Proben auf Radioaktivität und Sprengstoff untersucht. Das dauert eben seine Zeit. Außerdem haben die Experten einen Großteil ihrer Zeit mit Trittbrettfahrern zu tun, die das Labor mit Arbeit belegen. Jeder Brief wird ernst genommen und da dauerte es eben, bis der Umschlag vom Arbeitsamt in Rudolstadt an der Reihe war. Freitagmorgen wurde der Brief untersucht. Dann war stundenlang von "einem erheblichen Verdacht" die Rede.

Ein Psychokarussell. Für wenige Stunden dachten die Menschen in Deutschland, nun ist es soweit, nun wären auch hierzulande Milzbranderreger aufgetaucht. Politiker in Alarmstimmung, Journalisten zogen los, Sondersendungen wurden vorbereitet. Dann kam aus dem Berliner Robert-Koch Institut (RKI) die "98-Prozent-Entwarnung". Vorerst.

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--> Online Spezial: Bio-Terrorismus
Stichwort: Milzbrand
Hintergrund: Seuchenexperten
Web-Link: Robert-Koch-Institut In dem Hochsicherheitslabor des RKI, in einem schönen Klinkeraltbau im Berliner Wedding, haben sie einfach "ein paar zusätzliche Untersuchungen eingeleitet", erzählt Laborchef Georg Pauli. Hier in Berlin wurde die PCR-Analyse gemacht, die so genannte polymerase Kettenreaktion. Ein "hochsensitiver Genomnachweis", sagt Wissenschaftler Pauli, "mit dem wir geringste Mengen an Bakterien nachweisen können". Sinn dieser Untersuchung ist, kleinste Mengen so zu vervielfältigen, dass man damit arbeiten kann. "Mit dieser Methode", so Pauli, "könnten wir zehn Bakterien nachweisen". Pauli ist inzwischen Experte und untersucht seit Wochen immer wieder die Briefe von Trittbrettfahrern.

Einrichtung einer Denkfabrik

Das Berliner RKI ist das zentrale wissenschaftliche Institut auf dem Gebiet der Biomedizin. Die mehr als 600 Mitarbeiter definieren unter anderem Qualitätskriterien und Verfahrensstandards für die Gentechnologie, erforschen die Rinderseuche BSE und suchen im deutschen Aids-Zentrum nach einem Impfstoff gegen das Immunschwächevirus HIV.

Sind andere Labore also einfach schlecht ausgestattet? Stehen dort veraltete Mikroskope? Ist das vielleicht alles nur ein Zeichen von Überforderung? Oder ist nicht doch die richtige Frage: Wie soll man erkennen, was man nicht kennt.

Einige Wissenschaftler in Deutschland fordern deshalb längst, "Forschungs- und Informationsstellen über biologische Waffen" einzurichten. Jan van Aken, ein Hamburger Biowaffenexperte vom Sunshine-Projekt, möchte am liebsten eine Art Denkfabrik aufbauen, ein Zentrum in dem Hintergrundwissen gesammelt wird, wo es möglich wäre, Milzbrand-Attacken und mögliche Reaktionen darauf durchspielen könnte. "Szenarien", sagt van Aken, "wie mit Sprühflugzeugen umzugehen ist oder wie die Trinkwasserversorgung im Ernstfall gesichert werden kann."

"Lauter schlaue Leute"

Vier, fünf Leute stellt van Aken sich vor: Biologen, Mediziner, Soziologen und Politologen, die sich Gedanken machen und sich mit allen vorstellbaren Aspekten einer existenziellen Bedrohung beschäftigen. "Lauter schlaue Leute", sagt er, "müssten dort zusammenzusitzen und die Ideen auf den Tisch packen." Ähnliche Institute wurden vor wenigen Jahren in den Vereinigten Staaten gegründet. Van Aken hat seinen Vorschlag längst schriftlich an das Forschungsministerium geschickt. Aber noch hat sich niemand bei ihm gemeldet.

Auch Alexander S. Kekulé, Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie an der Martin-Luther-Universität in Halle/Wittenberg fordert ein "Zentrum für Zivilschutz und Seuchenbekämpfung". Beim Zivilschutz würde ohnehin seit Jahren gespart. Im Katastrophenschutz könnten Mitarbeiter zwar wunderbare Dämme gegen Fluten bauen, aber mit ABC-Waffen seien sie völlig überfordert.

Kekulé findet, dass die Aufregung und der falsche Alarm vom Freitag noch mal gezeigt hätten, in was für einer desolaten Situation Katastrophen- und Zivilschutz stecken. Er nennt das einen "Schuss vor den Bug". Es sei deutlich geworden, "wie wenig wir vorbereitet sind und was wir verbessern müssen". Der Mikrobiologe stellt sich ein ähnliches Zentrum vor, wie es der Hamburger Biowaffenexperte van Aken fordert. Einen Ort, in dem man vorbereitet ist und schon mal Antworten auf alle Eventualitäten hat. Kekulé würde an diesem Zentrum zusätzlich Labore einrichten: "Wenn dann eine Büchse in der U-Bahn gefunden wird, müssten Wissenschaftler schnell wissen, ob da Milzbrand oder Kampfgas drin ist." So ein Zentrum, sagt Kekulé, gebe es noch nirgendwo in Europa.

Deutschland müsste so ein Projekt anregen. Und eigentlich, meint Kekulé, müsste sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder von einer solchen Eirichtung ganz begeistert sein. "Denn Schröder redet doch jetzt immer von der neuen Rolle Deutschlands in der Außenpolitik."

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