Kultur : Anti-Weimar in Potsdam

ULRICH CLEWING

Momentan vergeht kaum ein Tag ohne neue Nachrichten aus Weimar.Immer mehr erboste Künstler fordern ihre Werke zurück; der Kurator der umstrittenen Schau "Aufstieg und Fall der Moderne", der Architekturhistoriker Achim Preiß, meint zerknirscht, er habe in den letzten Wochen erkennen müssen, daß Kategorien wie offiziell und inoffiziell nichts über die Qualität von Kunst an sich aussagen.

Wohlgemerkt: "in den letzten Wochen", was ein bißchen spät erscheint für jemanden, der sich vorgenommen hatte, "endlich abzurücken von dem, was ist" und eine Kunstgeschichte "aus der Sicht des 22.Jahrhunderts" zu schreiben.Statt dessen hat Preiß in der sogenannten Mehrzweckhalle des ehemaligen NS-Gauforums in Weimar ein beispielloses visuelles Hauen und Stechen inszeniert und damit den Beweis angetreten, daß die Beurteilung von in der DDR entstandenen Kunst klugen Köpfen und solchen, die sich dafür halten, nach wie vor größte Schwierigkeiten bereitet.

Im Alten Rathaus in Potsdam ist seit heute eine Ausstellung zu sehen, die versucht, es anders zu machen.Gezeigt wird die Privatsammlung des Reutlinger Unternehmers Siegfried Seiz, der in den Jahren von 1987 bis 1992 ein ansehnliches Konvolut "Figurativer Malerei aus dem letzten Jahrzehnt der DDR" (so auch der Titel der Schau) zusammengetragen hat.Obwohl auch hier die Räumlichkeiten nicht unbedingt ideal sind, ist das Bemühen deutlich, den präsentierten Künstlern mit Fairness zu begegnen.Die Gemälde sind ordentlich gehängt, die insgesamt 22 Maler - darunter so unterschiedliche Charaktere wie Bernhard und Johannes Heisig, Harald Metzkes, Willi Sitte und Hans Vent - mit exemplarischen Arbeiten vertreten.Und man weiß nicht so recht, was erstaunlicher ist: der Umstand, dies extra erwähnen zu müssen, oder die Notwendigkeit, zehn Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch ausdrücklich festzustellen, daß es in der DDR eine durchaus heterogene Kunstszene gab.

Sicher waren der Experimentierfreude enge Grenzen gesetzt.Innerhalb der konventionellen Medien jedoch, derer sich im übrigen zur selben Zeit auch zahlreiche Künstler im Westen bedienten, können sich die Resultate - um das mindeste zu sagen - fraglos sehen lassen.Der 1950 in Annaberg im Erzgebirge geborene Jürgen Wenzel zum Beispiel: Die Motive mögen traditionell wirken, seine weiblichen Akte und Schlachthaus-Porträts bieten in der Hinsicht nicht viel Neues.Aber was hat der Mann bloß für eine hat Malkultur! Um da in der alten Bundesrepublik Vergleichbares zu finden, muß man sich auf höchstes Niveau begeben.Baselitz, Richter, beide ein gutes Jahrzehnt älter als Wenzel, wären Kandidaten.Ansonsten dürfte es schon schwer werden, eine ähnliche Virtuosität des rein Malerischen im Gegenständlichen auszumachen.Oder der Hallenser Uwe Pfeifer, Jahrgang 1947, ein Schüler von Werner Tübke, worauf man nicht so ohne weiteres gekommen wäre: Pfeifers dokumentarisch-kühler Realismus, der manchmal, wie etwa bei dem Bild "Der Schritt" oder bei "Saalewehr" von 1987, ins Abseitige spielt.Diese Mischung aus Pop-Art und neuer Sachlichkeit ist geeignet, sämtliche Klischees von einer typischen DDR-Kunst ad absurdum zu führen.

Natürlich sind da auch Künstler, deren Werke epigonal erscheinen, die sich einer Formensprache bedienen, die bis zur Substanzlosigkeit ausgelaugt anmutet - auch das kein auf Ostdeutschland beschränktes Phänomen.Daneben fehlen in der Sammlung Seiz einige Maler und Bildhauer, die unverzichtbar wären für einen umfassenden Überblick über die Kunst der DDR: Wolfgang Mattheuer, Strawalde oder eben Werner Tübke.Doch wenn man sich die (inzwischen gar nicht mehr so) "Jungen" anschaut, Klaus Killisch beispielsweise, Neo Rauch oder Wolfgang Smy, dann spürt man eine unwiderstehliche Frische.

Es ist die Kraft, die aus dem übermütigen Gefühl entsteht, die Kunst für sich persönlich ganz neu zu erfinden.

Kulturhaus Potsdam, Altes Rathaus, bis 22.August; Dienstag bis Sonntag 10 - 18 Uhr.Katalog 22 Mark.

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