Kultur : Antike Plastik: Historisch, aber nasenlos

Nicholas Körber

Mitleiderregend sehen sie aus: zwar unnahbar und erhaben im Habitus - aber nohne Nase. Die in Stein gemeißelte Ahnengalerie preußischer Herrschaftlichkeit ist verurteilt zu kollektiver Entstellung. Vor hundert Jahren stiftete Wilhelm II. Marmorstandbilder sämtlicher Herrscher von Brandenburg und Preußen, um den Untertanen vom Ruhm deutscher Geschichte zu künden. Das tun die derangierten Denkmäler bis heute, aufrichtiger als dem Kaiser lieb gewesen wäre. Einst zierten die Statuen die Siegesallee, die als Prachtstraße den Berliner Tiergarten durchzog; heute stehen sie dichtgedrängt im Lapidarium am Halleschen Ufer. Das Kreuzberger Domizil dient als Zwischenlager für Altlasten deutscher Historie.

Der Fotograf Gerhard Jende hat die Statuen dort entdeckt. Seine meist stimmungsvoll im Halbschatten gehaltenen Fotografien sind nun in der Abgusssammlung antiker Plastik in der Schlossstraße zu sehen. Dort fällt der "Steinerne Blick" - so der Ausstellungstitel - auf die Abgüsse des Diskuswerfers von Myon, den Torso von Milet oder Polyklets Speerträger. Diesen Standbildern gelang, was die kaiserliche Denkmalpolitik nicht schaffte: Sie prägten sich als unvergängliche Bilder vergangener Epochen dem kollektiven Gedächtnis ein. Jendes Fotografien wirken inmitten der kolossalen Antiken denn eher unscheinbar.

Ohnedies macht weniger der künstlerische Wert der abgebildeten Statuen die Ausstellung interessant. Ihre Geschichte ist ein Symbol für Tragik und Komik des Verhältnisses der Deutschen zu ihrer Geschichte. Die zwischen 1898 und 1901 entstandene Denkmalstraße war bereits in ihrer Entstehungszeit umstritten. "Puppenallee" nannten Spötter die Meile mit ihren 32 Standbildern. Dennoch überstand sein Projekt Revolution und Weimarer Republik. Erst den städtebaulichen Vorstellungen der Nazis waren sie im Weg. Albert Speer hatte Gigantisches mit der Stadt im Sinne, und so wurde die Denkmalgruppe an den Großen Stern versetzt, um Platz zu schaffen für andere Vorhaben. Bei der Rekonstruktion des Tiergartens 1950 wurden die kriegsbeschädigten Reste der Siegesallee abgebaut und für die nächsten vier Jahre zum Schloss Bellevue gebracht. Als das Schloss schließlich Sitz des Bundespräsidenten wurde, vergrub man die Statuen an Ort und Stelle, als wäre die lästige Vergangenheit auf Nimmerwiedersehen zu beerdigen.

1978 wurden die Geschichtsleichen auf Betreiben von Peter Bloch, damals Leiter der Skulpturengalerie, wieder exhumiert und als Dauerprovisorium ins Lapidarium gebracht. Dort teilen sie sich den Raum mit einem 1,70 Meter hohen Steinquader, den der Fotograf Gerhard Jende ebenfalls wiederentdeckt hat. Dieser erinnerte auf dem Potsdamer Platz an Karl Liebknecht, , bis Sony & Co. von dem Areal Besitz ergriffen, das Monument des deutschen Sozialismus ans Hallesche Ufer abgeschoben wurde. Einen Vorteil genießt jedenfalls der Liebknecht-Quader gegenüber seinen royalistischen Zimmergenossen im Lapidarium: Er hat zwar seinen Standort, aber nicht die Nase verloren.

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