Kultur : Antike Tempel zu verkaufen

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Das Colosseum werde sicherlich nicht verkauft. Auch nicht die Ausgrabungsstätten in Pompeji. Das versichert Italiens Kulturminister Giuliano Urbani. „Alles, was schützenswert ist“, sagt er, „bleibt in Staatsbesitz". Es geht aber um die, so die Zeitung „La Repubblica“, „grösste Verkaufsaktion Italiens". Und es geht um das Gesetz Nummer 63/2002. Dessen Text ist in Italien zum kulturpolitischen Thema Nummer eins geworden.

Verfasst wurde es von Kulturminister Giuliano Urbani und Schatzminister Giulio Tremonti. Das Gesetz sieht den Verkauf staatseigener Immobilien im Wert von schätzungsweise 900 Millionen Euro vor. Das sind Leuchttürme und Kasernen, Wohnhäuser und Ministerien, aber auch Paläste und Kirchen, Ausgrabungsstätten und Museen – Objekte von zum Teil größtem kunsthistorischen (und touristischen) Wert: Zum Beispiel fallen theoretisch auch die Uffizien in Florenz oder die Tempel von Segesta und Paestum in Süditalien unter den Buchstaben des Gesetzes.

„Diese Objekte zu verkaufen“, wettert Vittorio Sgarbi, Kunstexperte und Staatssekretär im Kulturministerium in offenem Widerspruch zu seinem Dienstherrn, „ist ein himmelschreiender Skandal". Die rechte Regierung, erklärt der römische Kunsthistoriker Maurizio Calvesi, will für ihre „schlimme Verkaufsaktion“ zwei Gesellschaften gründen. Demnach sollen der „Patrimonio SPA“ alle staatseigenen Gebäude übertragen werden, die „Infrastrutture SPA“ hingegen soll darüber zu entscheiden haben, für welche neuen Großbauten staatseigene Immobilien (und Denkmäler) verkauft werden müssen, um Geld in die leeren Kassen zu bekommen. Eigentlich sollte die Verabschiedung des neuen Gesetzes glatt über die Bühne gehen. Die Mitte-Rechts-Koalition hat in beiden Kammern des Parlaments die Mehrheit. Die Opposition hat also kaum eine Chance, das Gesetz zu verhindern.

Doch die Regierung Berlusconi hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi, der alle Gesetze gegenzuzeichnen hat, verweigerte vollkommen überraschend seine Unterschrift mit dem Hinweis darauf, dass in der Formulierung des Gesetzes nicht ausreichend zwischen kunsthistorisch wertvollen und weniger wertvollen Immobilien unterschieden werde. Eine schlimme Schlappe für einen Kulturminister, der sich auf diese Weise sagen lassen muss, dass er seine Hausaufgaben nicht richtig gemacht hat.

Nun jubeln Kunst- und Denkmalschützer sowie die linken Parteien. Minister Urbani wehrt sich. „Wir wollen doch nur das verkaufen, was verkauft werden muss“, sagt er recht zweideutig, „weil wir nicht das Geld haben, um alle Bauwerke zu erhalten". Privatleute, so seine Überzeugung, „können historische Bauten besser bewahren als der arme Staat". Wenn der Staat kein Geld habe, um seine Bauwerke zu pflegen, schlägt die FAI vor, Italiens grösste private Vereinigung zum Erhalt historischer Gebäude, dann soll er sie doch eher verpachten als verkaufen.

Aber Pachteinnahmen reichen der Regierung Berlusconi nicht. Sie braucht viel Geld, um viele neue Autobahnkilometer und eine gigantische Brücke von Kalabrien aus nach Sizilien zu errichten. Da lohne es sich doch schon, meinte Schatzminister Tremonti alle Bedenken der Gesetzeskritiker vom Tisch wischend, ein paar alte Bauten gewinnbringend an Meistbietende zu verkaufen.

Die Minister Tremonti und Urbani wollen nach der Panne das Gesetz jetzt überarbeiten, „damit auch jeder begreift, dass wir die von der Unesco geschützten Objekte nicht verkaufen wollen". Der grosse Rest aber, so war aus der Regierung zu hören, „der kann ruhig abgestossen werden". Thomas Migge

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