Antikes Samarra : Traumhaftes vom Tigris

Das Berliner Museum für Islamische Kunst zeigt das antike Samarra als „Zentrum der Welt“: blühende Metropole, Sitz des Kalifen von Bagdad - und architektonisches Vorbild. Ein Kontrastprogramm zur europäischen Sicht auf den arabischen Raum und seine bedeutenden Reiche.

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Die Schönheit der Stucktapeten. Nischenwand im Schloss Balkuwara, Grabungsfoto aus den Jahren 1911 - 13. Foto: Museum für Islamische Kunst/Ernst Herzfeld
Die Schönheit der Stucktapeten. Nischenwand im Schloss Balkuwara, Grabungsfoto aus den Jahren 1911 - 13. Foto: Museum für...

Die Dimensionen der Stadt waren gewaltig. Über 50 Kilometer erstreckte sie sich entlang des Tigris und zählte rund 300 000 Einwohner – zu einem Zeitpunkt, da Paris gerade 30 000 Einwohner hatte. Die Bauten waren imposant, das berühmte Spiralminarett der Moschee des Kalifen al-Mutawakkil maß 55 Meter, die Fläche der Moschee betrug vier Hektar, der Gebetssaal wurde von einer Mauer mit 44 Halbtürmen umgeben. So zeigte sich die Macht der Abbasiden (749-1258), die als Dynastie den Ummayaden auf den Thron gefolgt waren.

War Max von Oppenheim noch auf Tipps eines befreundeten Beduinen angewiesen, um die Götter von Tell Halaf wieder auferstehen zu lassen, konnte Ernst Herzfeld (1879-1948) sich schon auf die Beschreibungen Oppenheims berufen. 1907 - 08 unternahm Herzfeld zusammen mit Friedrich Sarre, dem Leiter der frisch gegründeten Abteilung für Islamische Kunst der Königlichen Museen in Berlin, eine Reise durch Syrien und Mesopotamien, „um ein Urteil zu gewinnen, an welchem Orte eingehendere Untersuchungen islamischer Denkmäler Erfolg versprächen.“

Das Spiralminarett von Samarra hatte Herzfeld schon 1903 vom Tigris aus gesehen, als er bei Walter Andrae auf der Grabung von Assur weilte. Wo solch ein gewaltiges Bauwerk steht, muss sich etwas finden lassen! Islamische Kunst wurde Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht groß gesammelt, Sarre hatte 1910 eine erste Ausstellung islamischer Kunst aus Privatsammlungen in München gezeigt. Die Auseinandersetzung mit der Fassade von Mschatta brachte Sarre auf die Idee, sich überhaupt mit der Kunstgeschichte jener Epoche zu beschäftigen. Eine großzügige Spende von Elisabeth Wenzel-Heckmann an die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft setzte dann die Suche nach einem Grabungsort für islamische Kunst in Gang.

Samarra war einst eine blühende Metropole, der Kalif von Bagdad hatte seinen ganzen Machtapparat 836 120 Kilometer nördlich nach Samarra verlegt, weil ihm die alte Hauptstadt Bagdad zu unsicher schien. Die Kalifen aus der Familie der Abbasiden, die mit der des Propheten Mohammed verwandt war, hatten einst Kontakte zum Hof Karls des Großen, nach Indien und zu den Tang-Kaisern Chinas, die Macht des Kalifen reichte von Marokko bis nach Zentralasien. Vergleichbare Metropolen waren Xi'an und Konstantinopel.

Kalif al-Mutawakkil (847-861) war ein großer Architekturliebhaber, ihm verdankte Samarra seine Große Moschee mit dem Spiralminarett sowie 20 Paläste, darunter den von Herzfeld ausgegrabenen riesigen Palast Balkuwara. Nach seinem Tod allerdings wurde 892 Bagdad wieder Hauptstadt. Samarra blieb ein bedeutender schiitischer Pilgerort – hier entschwand 874 der zwölfte Imam, der Mahdi, auf dessen Rückkehr immer noch gewartet wird.

Die Dimensionen der Prachtbauten lassen sich auf den Luftbildern erahnen, mehr aber auch nicht, da – wie überall in Mesopotamien – die Großbauwerke meist aus ungebrannten Lehmziegeln errichtet wurden. Hilfreich sind da Herzfelds gezeichnete Rekonstruktionsversuche.

Berühmt ist Samarra für die Stuckdekoration der Paläste und der Privathäuser. Herzfeld hatte drei Stile identifiziert, die, wie man heute weiß, alle gleichzeitig verwendet wurden. Der dritte mit seinen stark abstrahierten Ornamenten, die sich beliebig reihen ließen, prägte den ersten einheitlichen Stil des abbasidischen Reiches und war bald in Ägypten, Syrien und Afghanistan zu finden.

Das Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum zeigt zum 101. Jubiläum der Grabung Herzfelds Samarra nun als „Zentrum der Welt“. Als Blickfang der Ausstellung sind die von Herzfeld entdeckten Stuckreliefs zu einer Wand zusammenfügt, um in etwa die Wirkung der „Tapeten aus Stuck“ zu zeigen.

Als der Kalifenhof von Samarra aufgegeben wurde, nahm man alles Verwertbare wieder nach Bagdad mit. Insofern hat Herzfeld in Samarra keine Großobjekte gefunden. Das erinnert an das Schicksal Achet-Atons, der Hauptstadt des ägyptischen Reiches, die einst im Nirgendwo von Echnaton errichtet wurde und nach seinem Tod wieder aufgegeben wurde. Auch in Amarna fanden die Archäologen nur noch die Reste, die es nicht mehr wert waren, mitgenommen zu werden. Aber allein die Bruchstücke der luxuriösen Ausstattung der Kalifenpaläste von Samarra lassen ahnen, wie prächtig und bunt die abbasidische Metropole geglänzt haben muss. Betrachtet man im Gegenzug die romanische Architektur in Europa, wird deutlich, warum Samarra das Zentrum der damaligen Welt war. Angesichts der hauchfeinen Glasfunde aus Raqqa, der Sommerresidenz Harun al Raschids, staunt man über die Kunstfertigkeit der Abbasiden.

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