Kultur : Antipoden in Regensburg

Die Go-Betweens, Pop-Helden der Achtziger, veröffentlichen das perfekte Album: „Oceans Apart“

Christian Schröder

Das Schlagzeug pulsiert im Viervierteltakt, die Gitarren dengeln nervös, der Bass brummt ächzend. Ein Song auf der Hochgeschwindigkeitstrasse. Der Sänger sitzt im Zugabteil, draußen fliegt süddeutsche Landschaft vorbei. „Passing churches, passing stations, a bustling comlex / I see a sequence 22 rivers out my window / Etterzhausen, Frankfurt central, here comes a city“, singt er mit dunklem, leicht atemlosen Timbre. Eine Fernverkehrshymne wie aus der klassischen Jazz- & Blues-Ära, nur die schnaufenden Bläserfanfaren fehlen, die im „Chattanooga Choo Choo“ das Pfeifen der Lokomotive imitierten.

Robert Forster ist begeistert vom deutschen Schienennetz. „Es gibt diesen wunderbaren Zug, der jeden Tag von Hamburg nach Budapest fährt“, erzählt der Sänger und Songwriter. „Das Stück, das ich kenne, führt von Regensburg nach Frankfurt. Der erste Bahnhof, den man hinter Regensburg passiert, ist Etterzhausen. Den Ort kenne ich nur vom Durchfahren.“ Forster stammt aus Australien, hat aber der Liebe wegen fünf Jahre in Regensburg gelebt. Inzwischen ist er mit seiner Liebe nach Brisbane gezogen. Vom Frankfurter Flughafen aus gibt es die einzige deutsche Direktflugverbindung zum vierten Kontinent. „Here Comes A City“ handelt vom Abschiednehmen, deshalb klingt Forsters Lied trotz aller Energie auch melancholisch. „Ich zähle einfach auf, was ich sehe, wenn ich in diesem Zug aus dem Fenster gucke. Wenn ich meine ganzen Gefühle in den Song gesteckt hätte, wäre er nicht dreieinhalb, sondern dreißig Minuten lang.“

Mit „Here Comes A City“ beginnt das gerade erschienene neue Album der Go-Betweens. „Die Platte sollte mit einer Art Anpfiff anfangen, so nach dem Motto: Alle einsteigen, es geht los“, sagt Grant McLennan, der andere Sänger und Songschreiber der Band. Das Album wirkt tatsächlich mitreißend, es versammelt zehn vor Melodienseligkeit strotzende Gitarrenpop-Stücke. Zu perlenden Akkorden versichert McLennan „There’s no Reason to Cry“, „Pada-Pap“-Backgroundchöre wattieren „This Night’s For You“ mit der Flowerpower-Kuschligkeit der Sixties, „Darlinghurst Nights“ endet in fröhlich tutender Blasmusik.

Die CD heißt „Oceans Apart“ (Tuiton/Alive/BB-Island), sie handelt von den beiden durch ein Meer getrennten Welten, in denen die Go-Betweens seit mehr als einem Vierteljahrhundert zu Hause sind: Europa und Australien. „Zwei unterschiedlichere Orte als Regensburg und Brisbane“ – wo auch McLennan inzwischen wieder wohnt – „lassen sich nur schwer vorstellen“, erzählt Forster. „In Regensburg lebte ich zwischen mittelalterlichen Mauern, ich gehörte zu keiner Szene und konnte mich ganz auf meine Ideen konzentrieren. In Brisbane gibt es kein Gebäude, das älter als hundert Jahre ist. Das Licht ist viel heller, ich fühle mich wieder mit der Welt verbunden.“

Forster und McLennan sitzen im Speisesaal eines Hamburger Hafenhotels, durch die Panoramascheibe geht der Blick auf die Landungsbrücken. „Vorzüglich“, lobt Forster seine Ochsenschwanzsuppe. Nickelbrille, Nadelstreifenanzug und sein bis oben zugeknöpftes Hemd verleihen ihm die Aura eines verschrobenen Professors. Auf Fotos posiert der bekennende Proustianer gerne mit Büchern. Der stille McLennan trägt Sweatshirt und Jeans, er schreibt die geradlinigeren Popsongs, während sein Kollege sich eher der düster-balladesken Introspektion widmet. Forster/McLennan gehören zu den bemerkenswertesten Kreativgespannen der Musikgeschichte seit Lennon/McCartney. Sie lernten sich 1976 an der Universität von Brisbane kennen, das Debütalbum ihrer Band erschien 1982. Seither veröffentlichen sie mit den Go-Betweens – und während einer Trennung von 1990 bis 1999 solo – Platten von zeitloser Schönheit. Ein echter Hit gelang ihnen nie, aber von ihren Fans werden Forster und McLennan (beide 47) hartnäckig verehrt. Der deutsche „Rolling Stone“ widmet ihnen in seiner jüngsten Ausgabe ein 15-seitiges Special, die „Frankfurter Rundschau“ schwärmt: „Wer sie liebt, liebt sie sehr.“

Um Moden haben sie sich nie geschert, stur hielten sie an ihrem Hang zum verspielten Wohlklang fest: Genau deshalb sind die Go-Betweens nun plötzlich eine Band der Stunde. In den Achtzigerjahren, als sie mit der Gruppe Orange Juice in Glasgow herumhingen, galten sie eine Zeit lang als hip, dann verloren sie den Anschluss an den Zeitgeist. „Ende der Achtziger begann dieses Manchester- Ding mit den Happy Mondays, dann kam Grunge. Das war Musik, mit der wir wenig anfangen konnten“, erinnert sich Forster. Inzwischen wird eine neue Generation von Folkrockern wie Adam Green oder Conor Oberst gefeiert, beides aktuelle Favoriten der Band. „Die Leute spielen wieder Songs, die Leute wollen in Bands sein“, sagt McLennan und kommt richtig in Fahrt: „Junge Menschen in Indien oder Spanien, Fake-Lesben aus Russland greifen sich Gitarren und fangen an, Musik zu machen.Wow!“

„Oceans Apart“, ihr neuntes Album, haben die Go-Betweens in London produziert, wo schon ihre Klassiker „Liberty Belle“ (1986) und „Tallulah“ (1987) entstanden. „London ist unglaublich inspirierend“, sagt Forster. „Du stehst morgens auf und weißt: In dieser Stadt werden gleichzeitig zehn gute Platten aufgenommen.“ Man beginnt, wieder an den Pop zu glauben, wenn man die Go-Betweens hört.

Die Go-Betweens spielen am 28. Mai im Berliner Columbia Club.

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