Kultur : Antisemitismus: Bärendienst für ein Idol

Frederik Hanssen

Fans neigen manchmal dazu, unbedachte Dinge zu tun, wenn sie glauben, ihrem Idol dadurch nützen zu können. Ulrich Roloff-Momin, von 1991 bis 1996 Kultursenator in Berlin, ist ein uneingeschränkter Verehrer Daniel Barenboims. Kaum dass der parteilose, SPD-nahe Jurist vor neun Jahren den Chefposten in der Kulturverwaltung übernommen hatte, machte er sich daran, den Maestro für Berlin zu gewinnen. Gegen heftige Widerstände seiner Senatskollegen, die Barenboims Gehaltsforderung von einer Million Mark pro Jahr überzogen fanden, installierte er den Dirigenten und Pianisten an der Staatsoper Unter den Linden. Stolz berichtet er in seiner Senatoren-Autobiografie "Zuletzt Kultur", wie er selbst den damaligen Bundespräsidenten und Barenboim-Freund Richard von Weizsäcker einzusetzen wusste, um den zögerlichen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen weichzuklopfen: "Wenn ich Diepgens Autoritätsgläubigkeit richtig einschätze, war ihm spätestens nach dem Telefonat mit von Weizsäcker bewusst, dass es nicht ohne größeres Aufsehen abgehen würde, wenn Berlin das Angebot von Daniel Barenboim ausschlagen würde."

Nun sieht Ulrich Roloff-Momin den größten Coup seiner Amtzeit gefährdet: Barenboim wird seinen 2002 auslaufenden Vertrag als Musikchef der Staatsoper höchstwahrscheinlich nicht verlängern, weil der Senat nicht bereit ist, auf seine finanziellen Forderungen einzugehen. Forderungen übrigens, die der Künstler schon 1991 gestellt hatte: Dass nämlich die Musiker der Staatskapelle in puncto Gehalt denen des Berliner Philharmonischen Orchesters gleichgestellt werden. Ihm, Roloff-Momin, war es bis 1996 nicht geglückt, Barenboims Wunsch zu erfüllen, so wie es ihm nicht geglückt war, das Schiller-Theater vor der Abwicklung zu retten. Würde nun Barenboim tatsächlich im Zorn von Berlin scheiden, ohne seine Ursprungsforderung realisiert zu haben - was bliebe da Roloff-Momin noch, wenn er an seine Senatorenjahre zurückdenkt?

Derlei Überlegungen mögen ihn dazu veranlasst haben, in einem für die "Berliner Seiten" der FAZ verfassten Fan-Brief an Daniel Barenboim ein uraltes Gerücht wieder aufzukochen: Dass es nämlich einen Menschen in dieser Stadt gäbe, der dem Maestro mit offenem Antisemitismus begegne. Wer dieser Mensch sei, verriet der Ex-Senator nicht, das überließ er der "Berliner Morgenpost": Die verkündete gestern auf ihrer Titelseite, Musiker der Staatskapelle hätten gehört, wie Christian Thielemann, der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, während einer Probe mit Blick auf Barenboims bevorstehenden Abgang den Satz "Jetzt hat die Juderei in Berlin ein Ende" sagte.

Auch die "Morgenpost" mag dafür keinen Zeugen mit Namen aufbieten, ebensowenig wie Roloff-Momin, der gestern nachschob, er werde sich aus juristischen Gründen hüten, "Ross und Reiter" zu verraten, "weil ich nicht in der Lage bin, Leute zu benennen, die den Mut haben, es öffentlich zu machen, dass sie dabei waren".

Gerüchte über Christian Thielemanns politische Ansichten kursieren in der Kulturszene der Stadt, seitdem er den Posten des Generalmusikdirektors an der Deutschen Oper angetreten hat. Thielemann, der für seine grenzenlose Preußenbegeisterung bekannt ist, macht gerne Ferien in Ostpreußen. Aber nie hat jemand antisemitische Äußerungen des Dirigenten öffentlich bestätigt oder bezeugt. Der Beschuldigte selbst reagierte gestern gegenüber dem Tagesspiegel relativ gelassen. Ein Wort wie "Juderei" habe er überhaupt nicht in seinem Wortschatz, erklärte Thielemann. Die Behauptung sei absolut aus der Luft gegriffen und werde darum auch schnell "wie ein Soufflé" in sich zusammenfallen.

In der Tat stritt der Sprecher der Staatskapelle, Matthias Glander ab, dass Mitglieder seines Orchesters die Informanden der "Morgenpost" gewesen sein könnten. In Thielemanns eigenem Haus, der Deutschen Oper, löste die Anschuldigung sogar "Fassungslosigkeit" aus. "Ich war bei jeder Probe unter Thielemann dabei", sagt Orchestervorstand Karl-Heinz Brössling, "und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass Sätze dieser Art nie gefallen sind".

Dass Roloff-Momins Gerüchte-Recycling dennoch nicht seine Wirkung verfehlt, ist nicht verwunderlich. Besonders auf den Schlips getreten fühlt sich der Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus Landowsky, bekanntermaßen ein Erzfeind Roloff-Momins. Er gibt zwar zu, am Rande der Abgeordnetenhaussitzung, bei der Stölzls Konzept zur Fusion von Staatsoper und Deutscher Oper verteilt wurde, gesagt zu haben, jetzt stünden sich "Jung-Karajan Thielemann" und "der Jude Barenboim" gegenüber - doch seinen Exegeten möchte er keinen Interpretationsspielraum zugestehen. Er habe schlicht sagen wollen, dass Daniel Barenboim wie auch Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums, eben jene jüdische Kulturelite Berlins repräsentierten, die von den Nazis ermordet worden sei und die diese Stadt dringend wieder benötige. Er selber engagiere sich seit 1959 in diesem Sinne in der "Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit". Er sei stets ein Barenboim-Befürworter gewesen und habe in der Staatsoper gar die Silvesternacht 1999/2000 verbracht.

Es ist Thielemann selbst, der die entscheidende Frage stellt: "Wem nützt die ganze Angelegenheit?" Geht es Ulrich Roloff-Momin tatsächlich nur darum, die Öffentlichkeit über einen nicht hinnehmbaren Vorfall zu informieren? Nur so ließe sich die Sache benennen, wenn der Ankläger Roloff-Momin seine Behauptung tatsächlich durch Zeugen belegen könnte - egal, wer den ungeheuerlichen Satz ausgesprochen haben mag. Oder wollte da ein Kulturpolitiker im Ruhestand seinem Favoriten Daniel Barenboim im Kampf um die Hegemonialstellung im "Doppelkopf" von Staatsoper und Deutscher Oper nicht vielmehr (Stölzl) eine gute Ausgangsposition erstreiten? Wollte er den bereits auf gepackten Koffern sitzenden Maestro auf ungewöhnliche Art zum Weitermachen überreden? "Kämpfen Sie, bleiben Sie!" hatte die "Frankfurter Allgemeine" die offene Fanpost überschrieben. Ging es Roloff-Momin darum, den Musikchef der gegnerischen Seite zu diskreditieren, um das Klima der beiden künftig aufeinander angewiesenen Häuser zu vergiften und den friedlichen Fusionsprozess zu verhindern? Und das in der Hoffnung, dass am Ende die Staatsoper und ihr alter neuer Musikchef als Sieger übrig bleiben? Dann hätte Ulrich Roloff-Momin Daniel Barenboim einen Bärendienst erwiesen.

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