Antisemitismus in muslimischen Communities : So tief sitzt der Hass
09.09.2012 00:00 UhrLehrer an deutschen Schulen dürfen nicht davor zurückscheuen
Ob solche Schritte allerdings für die ernsthafte Bekämpfung des Antisemitismus in den betroffenen Communities von Nutzen sind, wage ich zu bezweifeln. Damit wird es lange nicht getan sein, will man einen wirklichen Wandel dieser gefährlichen Ressentiments erreichen. All die Jahre, während sich Beamte und Geldgeber mit Anträgen, Projektbeschreibungen und Dokumentationen „gegen rechts“ beschäftigen, hat sich der Antisemitismus unter arabischen, türkischen und muslimischen Einwohnern schleichend zu einem Alltagsphänomen entwickelt, das Juden daran hindert, in bestimmten Straßen sicher spazieren gehen zu können.
Nicht allein das Wegsehen der Mehrheitsgesellschaft lässt den Antisemitismus dieser Milieus ungehindert blühen, sondern auch ihre erschreckende Naivität. Wie kann es zum Beispiel sein, dass der Hamburger Senat mit den dort ansässigen muslimischen Verbänden feierlich einen Kooperationsvertrag schließt, der sie auf Demokratie und Grundgesetz verpflichtet, und nur eine Woche danach eine dieser Organisationen zur Teilnahme an der alljährlichen antisemitischen und antiisraelischen „Al-Quds-Demonstration“ aufruft? Busladungen muslimischer Jugendlicher fahren von Hamburg nach Berlin zu dieser Demonstration, wo „Tod Israel!“ gebrüllt und die Hisbollah bejubelt wird.
Es muss tiefgreifend umgedacht werden. Wollen wir den Antisemitismus dieser Communities bekämpfen, dann müssen sich vor allem die pädagogischen Prozesse viel klarer und gezielter an alle Schülergruppen wenden und nicht im innerdeutschen Kontext verharren. Dazu müssen vor allem die Communities selber das Problem erkennen und mutig benennen. Es muss möglich werden, dass sie sich mit dem real existierenden Antisemitismus auseinandersetzen, dass sie ihre religiös-politischen, ideologischen Inhalte ernsthaft hinterfragen. Die Empörung muslimischer Verbände über die Ereignisse in Schöneberg klang gut, versucht aber den Eindruck zu erwecken, hier handle es sich um Einzelfälle.
Lehrer an deutschen Schulen dürfen nicht, wie es bisher oft der Fall ist, davor zurückscheuen, konfliktreichen Schulstoff wie die Geschichte und Gegenwart des Nahen Ostens zu behandeln. Wirkliche Begegnungen mit jüdischen Jugendlichen oder Familien bewirken oft sehr viel, auf beiden Seiten. Doch sie finden so gut wie gar nicht statt.
Erfahrungen in der Präventionsarbeit zeigen, dass auch arabisch- und türkischstämmige Jugendliche gut erreichbar sind, wenn sie einem Holocaust-Überlebenden zuhören, ihm Fragen stellen, ihn vor sich sehen. Viele habe ich bei solchen Erlebnissen ergriffen und beeindruckt gesehen. Ebenso beim gemeinsamen Ansehen von klugen Dokumentarfilmen wie „To Die in Jerusalem“. Wenn in diesem Film die Eltern der jungen Palästinenserin, die bei einem Selbstmordattentat eine gleichaltrige Israelin getötet hat, mit den Eltern des Opfers zusammentreffen, bleibt vielen jungen Zuschauern die Spucke weg: Die beiden 18-Jährigen, Täter und Opfer, sehen sich so ähnlich wie Schwestern. Solche Erlebnisse vermitteln Wissen und Empathie. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Diese Art von Unterricht und Anschauung ist sehr selten. Doch es kann gar nicht genug davon geben.
Ahmad Mansour ist Diplompsychologe und berät die European Foundation for Democracy. Er arbeitet in verschiedenen Projekten gegen Extremismus und Radikalisierung und ist Mitglied der Arbeitsgruppe Präventionsarbeit mit Jugendlichen der Deutschen Islamkonferenz.







