Kultur : Antisemitismus: Vor Entwarnung wird gewarnt

Matthias Meisner

Cem Özdemir warnt vor voreiligen Schlüssen. Womöglich würde es die Aufklärung des Düsseldorfer Anschlags nahe legen, jetzt organisierte Verbindungen zwischen radikalen arabischstämmigen Extremisten und deutschen Rechtsextremisten zu vermuten. Doch Özdemir, innenpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, sagt: "Ich glaube nicht, dass die sich besonders sympathisch sind." Zwar würden sich "Verrückte am Rande immer gut verstehen", meint er im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Hinweise auf gefestigte Strukturen zwischen den in- und ausländischen Extremisten hat er nicht. Auch wenn bei den mutmaßlichen Düsseldorfer Tätern antisemitisches und rechtsextremes Material gefunden wurde, habe bei denen wohl eher das Motto "Der Feind meines Feindes ist mein Freund" gegolten.

Gibt es die Gefahr, dass der Anschlag auf die Düsseldorfer Synagoge im neuen Licht betrachtet, gar als weniger schlimm angesehen wird? Parallelen zum ertrunkenen Joseph im Sebnitzer Schwimmbad? Wurde nicht auch dieser Fall zum von Neonazis verübten rassistischen Mord stilisiert, obwohl sich inzwischen ein anderer Tathergang aufdrängt? Dieter Wiefelspütz, Sicherheitsexperte der SPD-Bundestagsfraktion, hält verstärkte Vorsicht bei Schuldzuweisungen nach Attentaten für angebracht: Es dürfe nicht nur von der Urheberschaft deutscher Rechtsextremisten ausgegangen werden, sagt er. Aber in einem Interview des Inforadios Berlin-Brandenburg meint er auch: "Antijüdisches Gedankengut ist das Herzstück rechtsextremen Denkens weltweit."

Eine direkte Verbindung zu Sebnitz zu ziehen, das vermeidet Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner ersten Stellungnahme zur Aufklärung des Düsseldorfer Anschlages. Vermeiden will er aber, dass jetzt gar Entwarnung gegeben wird. Schröder versichert am Rande des EU-Gipfels in Nizza: "Die Strategie der Bundesregierung gegen Rechtsradikalismus wird sich nicht ändern." Der Anschlag auf die Synagoge in Nordrhein-Westfalen sei nach wie vor ein Verbrechen. Der Kanzler hatte Düsseldorf kurz nach dem Anschlag besucht, und Özdemir hält das nach wie vor für richtig. Die Visite sei unabhängig von den jetzt ermittelten Tätern ein wichtiges "Signal der Solidarität mit den Opfern" gewesen. "Es macht die Tat ja nicht besser, dass nicht die Täter waren, die mancher zunächst vermutet hat. Ich warne davor, dass man das als Entlastung benützt. In jedem Fall ist es ein völlig unannehmbarer Zustand, dass Juden sich in diesem Land nicht sicher fühlen können." Das sieht auch Wiefelspütz so: "Die Tat wird nicht weniger gefährlich, weil sie von einer anderen Tätergruppe begangen wurde."

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