Kultur : Antje Dertingers Rapport beschäftigt sich mit dem schwierigen Thema der Scheinehen

Hannes Schwenger

Scheinehen sind ein Reizthema für Politiker, Journalisten und leider auch für Amateur-Demagogen. Vermutlich deshalb versteckt der Dietz-Verlag ein Buch dazu unter dem empfindsamen Titel "Schenk mir deinen Namen". Die Problematik der Sache, bei der es oft mehr um Geschäfte als um Geschenke geht, muss sich mit dem Untertitel begnügen: "Scheinehen zwischen Menschlichkeit und Kriminalität". Viel lieber spräche die Autorin - so beginnt ihr Vorwort - vom "Trauschein als Lebensretter": von jenen Schutzehen, mit denen NS-Verfolgte den Weg ins rettende Ausland fanden, in einer Zeit, "in der Deutsche sich vor Deutschen schützen mussten".

Nur, dass diese Zeit nicht 1945 geendet hat (auch in der DDR haben Ausreisewillige zum Mittel der Schutz- und Scheinehe gegriffen) und das Problem sich weder auf seine deutsche noch deutsch-deutsche oder auf seine humanitäre Seite beschränken lässt. Wie die EU-Entschließung von 1997 "über Maßnahmen zur Bekämpfung von Scheinehen" zeigt und selbst der Verband binationaler Familien und Partnerschaften weiß, gibt es europaweit auch "Missbrauch des Aufenthaltsrechts und organisierte Ehevermittlung" aus wirtschaftlichen Motiven.

Mit dem Trauschein durch die Mauer

Nur widerwillig hat sich Antje Dertinger auf diese Ausweitung des Themas eingelassen. Ihre Fallbeispiele sind willkürlich gewählt und unterschiedlich gewichtet: Für die NS-Zeit steht der Fall jener Ursula Kuczynski, die in der Öffentlichkeit weniger durch ihren "geschenkten" Ehenamen Ursula Beurton bekannt ist, als unter ihrem Pseudonym Ruth Werner: als Verfasserin ihrer eigenen Agentengeschichte "Sonjas Rapport". Ihre Ehe, die aus einer im Parteiauftrag der KPD geschlossenen Scheinehe zur echten Ehe wurde, könnte eher als Beispiel für den Missbrauch des Eheschlusses für Partei- und Spionagezwecke stehen und weniger für eine humanitäre Aktion. Dazu äußert sich Dertinger nicht.

Dagegen werden die vielen Fälle von Scheinehen Ausreisewilliger aus der DDR als Zweckehen ohne ernsthaften menschlichen Hintergrund dargestellt. Für dieses Kapitel genügt Dertinger die Überschrift: "Mit dem Trauschein durch die Mauer - Eheschließung zwecks Ausreise, Scheidung baldmöglichst im Westen."

Wärmer wird ihr Berichtston erst wieder beim "Ehebund fürs Bleiberecht" in der Bundesrepublik, bei dem sie zwischen "Hochzeiten aus Solidarität" und "Heiratsvermittlung aus Geldgier" unterscheidet. Aber damit versperrt sie den Blick auf die Mehrzahl jener Scheinehen von heute, die nicht "aus Solidarität" geschlossen werden, sondern ihren Grund in den weltweiten Migrationsströmen haben. Dass sich Europa davon nicht abschotten kann, ist die wohlbegründete Ansicht der Autorin, die für die Anerkennung der Bundesrepublik als eines faktischen Einwanderungslandes plädiert.

Das ist legitim, nur sollte man dies nicht mit dem Schutz für Juden und andere Nazi-Verfolgte vergleichen. Antje Dertinger tut dies, indem sie sich auf die ehemalige Ausländerbeauftragte Cornelia Schmalz-Jacobsen beruft. Mit ihr kann sich die Autorin identifizieren, weil deren Vater während der NS-Zeit in Berlin Juden versteckte. Dertinger stellt das Amt von Schmalz-Jacobsen in diese antifaschistische Tradition. Und damit findet sie zu ihrem Lieblingsthema zurück - Scheinehen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Aber Dertinger verengt es gleichzeitig auf diesen Zusammenhang. Das sehen Viele in Reihen von SPD, Grünen und PDS genauso, aber leider auch jene Neonazis, die sich Deutschland "ausländerfrei" wünschen. Es wäre besser, das Thema ideologiefrei anzugehen. Aber dafür fehlen dieser Reportage gewichtige Fakten und unbefangene Analysen.Antje Dertinger: Schenk mir deinen Namen. Scheinehen zwischen Menschlichkeit und Kriminalität. J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 1999. 160 Seiten. 34 DM.

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