Kultur : Antlitz des Westens

Rumsfeld in der Hölle/Von Georg Klein

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Sprechende Gesichter sind das Beste, was das berichtende Fernsehen uns geben kann. Eines Tages wird die Bildbearbeitungstechnik auch diese aktuelle Quelle der Einsicht sofort mit raffinierten Manipulationen überformen, aber noch dürfen wir dem glauben, was wir da sehen und hören: Aus dem amerikanischen Präsidenten spricht ein bauernschlauer Tölpel, aus seinem Oberbefehlshaber am Golf redet ein nüchterner Pragmatiker, der früh gelernt hat, das man nie klüger wirken darf als seine Vorgesetzten.

Einen Kairoer Autowäscher habe ich nur im Radio sprechen hören, und da ich wie fast alle Westler kein Wort arabisch verstehe, musste ich mich an die Übersetzung halten. Der Ägypter sagte, er sei froh, dass die Bilder der gefangenen USSoldaten im Fernsehen gezeigt würden. Denn nun könne die amerikanische Regierung sehen, dass auch die Armee einer Supermacht aus Söhnen bestehe, die Angst hätten. Was die Sichtbarkeit der Angst angeht, hat dieser Mann zweifellos recht. Aus den Gesichtern der Gefangenen war die blanke Todesangst zu lesen.

Wir verdanken es dem Fernsehen, dass uns die vor Furcht erstarrte Mimik und das gepresste Stammeln der Gepeinigten erreichen. Es bräuchte eine übermenschliche Ignoranz, um die Aussage dieser Bilder zu verneinen. Todesangst scheint eine Empfindung zu sein, deren affektive Außenseite universell ist, deren Ausdruck kein menschliches Gemüt missverstehen kann.

Auch Donald Rumsfeld ließ inzwischen verlauten, dass ihn diese Bilder erschüttert hätten. Obwohl ich ihn nach seinem bisherigen Auftreten für einen großen Heuchler vor dem Herrn halte, will ich ihm zumindest dies glauben. Wenn es allerdings eine Hölle für verstorbene Verteidigungsminister gibt, dann müsste sie aus Einzelzellen bestehen, die nichts als ein Fernsehgerät enthalten. Auf dem TV-Gerät des Hölleninsassen Rumsfeld sollten dann für die Ewigkeit der Verdammnis die angstverzerrten Gesichter seiner einstigen Soldaten gezeigt werden. Im steten Wechsel mit einer anderen Video-Sequenz: Sie zeigt einen bebrillten, grauhaarigen Mann, der verzückt von Möglichkeiten der neuen intelligenten Waffen schwärmt. Fast glaubt man ein begeistertes Zittern auf den schmalen Lippen des amerikanischen Verteidigungsministers zu erkennen.

Vielleicht wird dieses Satellitenbild sogar in der Hölle noch zu grobkörnig sein, als dass Donald Rumsfeld dann die allerletzten Feinheiten seiner einstigen Technik-Ekstase abgebildet sehen könnte. Aber der Teufel soll dafür sorgen, dass sich sein Schützling erinnern muss: Rumsfeld war damals im Krieg gegen den Irak jener machtgeile Greis, der von der Präzision seiner Prothesen schwadronierte und dessen Bild, unzensiert und in all seiner Obszönität unmissverständlich, um die Welt ging.

Es ist auch unser Schaden, dass man dieses Gesicht in Ägypten und anderswo für das Antlitz des Westens hält.

Der Schriftsteller Georg Klein, Jahrgang 1953, lebt – nach vielen Jahren in Berlin – in Ostfriesland. Zuletzt erschien sein Erzählband „Von den Deutschen“ (Rowohlt Verlag).

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