Kultur : Antlitz einer Epoche

August Sanders grandioses Gesellschaftsporträt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ als Ausstellung im Berliner Gropius-Bau

Bernhard Schulz

Eine „Soziologie ohne Text“ hat Alfred Döblin die Fotografien genannt, die August Sander unter dem Titel „Menschen des 20. Jahrhunderts“ zusammengefasst hatte. Diese Typologie der Gesellschaft in allen ihren Verkörperungen zählt zu den großen Vermächtnissen der Weimarer Epoche. Sie ist zu Lebzeiten des Fotografen nicht mehr erschienen; die Arbeit daran überspannte ein halbes Jahrhundert, von den ersten Aufnahmen 1911 bis zu Sanders Tod im Jahr 1964.

Seit 1992 hütet die SK Stiftung Kultur Köln das Archiv des zeitlebens fast ausschließlich in Köln tätigen August Sander als Kernstück ihrer Photographischen Sammlung. 11000 Glasnegative und 4000 Originalabzüge bilden den Schwerpunkt des Archivs; hinzu kommen schriftliche Dokumente und Arbeitsgeräte. Im Frühjahr vergangenen Jahres konnte das Gesamtwerk der „Menschen des 20. Jahrhunderts“ in sieben Bänden vorgelegt werden, in einer Vollständigkeit, wie Sander selbst sie nie vor sich sehen konnte.

„Ein Kulturwerk in Lichtbildern“, so hatte der 1876 geborene Sander es um 1925 konzipiert, „eingeteilt in 7 Gruppen, nach Ständen geordnet und umfassend 45 Mappen mit je 12 Lichtbildern“. Während die Gesamtzahl der zur Publikation vorgesehenen Aufnahmen im Laufe der Jahre auf gut 600 anwuchs, behielt Sander die Grundeinteilung unverändert bei. „Der Bauer“, „Der Handwerker“, „Die Frau“, „Die Stände“ – gemeint sind die Berufsgruppen –, „Die Künstler“, „Die Großstadt“ und „Die letzten Menschen“ lauten die Titel der sieben Gruppen. Lediglich bei der Einteilung und Benennung der zugehörigen Mappen nahm Sander über die Jahre geringfügige Änderungen vor, am markantesten durch die Hinzufügung einer Mappe 23a „Der Nationalsozialist“, mit der Sander auf die Dreißigerjahre reagierte – er, der der Linken nahe stand und seinen Freundeskreis in der Bohème der Domstadt hatte.

Vor zwei Jahren präsentierte die SK Stiftung Kultur in ihren Kölner Räumen erstmals einen Ausschnitt des rekonstruierten Bildwerks Sanders anhand der Originalabzüge. Diese großartige Ausstellung ist jetzt im zweiten Obergeschoss des Martin-Gropius-Baus zu besichtigen, dank der größeren Räumlichkeiten noch erweitert – und ergänzt um einen Saal mit künstlerischen Zeugnissen von Sanders Freunden aus der Kölner Gruppe der „Progressiven“ um Heinrich Hoerle, F.W. Seiwert und Gerd Arntz, deren Arbeiten der Fotograf sammelte. Das ist nicht bloße Zutat, sondern erläutert den kulturellen und menschlichen Zusammenhang im Kölner Künstlermilieu, innerhalb dessen Sanders Lebenswerk heranwachsen konnte.

Sanders Anspruch war gewaltig: „Nichts schien mir geeigneter zu sein, als mit der Fotografie in absoluter Naturtreue ein Zeitbild unserer Zeit zu geben.“ In einer Reihe von Vorträgen umriss er 1931 sein Vorhaben: „Da der Einzelmensch“ – so Sander – „keine Zeitgeschichte macht, wohl aber den Ausdruck seiner Zeit prägt und seine Gesinnung ausdrückt, ist es möglich, ein physiognomisches Zeitbild einer ganzen Generation zu erfassen und zum Ausdruck im Photo zu bringen.“ Unter dem Titel „Antlitz der Zeit“ erschien 1929 eine Vorauswahl von 60 Fotografien im renommierten Kurt Wolff Verlag, zu denen Alfred Döblin, der mit „Berlin Alexanderplatz“ ein eng verwandtes Gesellschaftsporträt schuf, das Vorwort schrieb.

Der Zerfall der Weimarer Republik verhinderte die Veröffentlichung des wohl schon zur Druckreife gediehenen Gesamtwerks. Sander konnte zwar weiter arbeiten, wurde aber von der Gestapo beobachtet; „Antlitz der Zeit“ wurde 1936 verboten, die Druckstöcke wurden vernichtet. Sein Sohn Erich, der das Atelier des Vaters fortführen sollte, wurde als Regimegegner bereits 1934 verhaftet und verstarb zehn Jahre später im Zuchthaus. Aufnahmen, die der Sohn unter Mithäftlingen hatte machen und herausschmuggeln können, nahm der Vater nach dem Krieg in sein Werk als Mappe 44a „Politische Gefangene“ auf. Doch zu der so lang erhofften Publikation kam es nach 1945 nicht mehr.

Sanders Aufnahmen sind zeitgebunden, seinem Anspruch der „absoluten Naturtreue“ entsprechend, und doch auch so überzeitlich, wie es die in den abgebildeten Personen verkörperten sozialen Verhältnisse, die Tätigkeiten und Berufe erlauben. Mit Sanders Aufnahmen werden diese Haltungen selbst historisch. Das gilt nicht nur für den „Kohlenträger“ – den Sander, wie manche Politiker und Künstler auch, in Berlin antraf –, sondern auch für den „Kaufmann“ oder den „Bankier“, den es in jenem damaligen Verständnis nicht mehr gibt. Sander dokumentierte Berufsvertreter, ganz im Gegensatz zum altertümlichen Titel seiner umfassendsten Gruppe „Die Stände“, durchaus nicht als Bestätigung der fest gefügten Verhältnisse. So fügte er den Erfolgreichen aus der Mappe „Der Kaufmann“ auch einen „Streichholzverkäufer“ hinzu – einen Arbeitslosen, der sich von dem hart neben der Bettelei angesiedelten Straßenverkauf ernährte.

Das Typische, das Sander noch so selbstverständlich in charaktervollen „Standesvertretern“ gegenübertrat, hat sich aufgelöst. Die Identifikation von Lebensweg und Berufsweg, gar das Hineingeborensein sind Haltungen einer Gesellschaft, die noch in Generationen dachte. Doch zugleich enthält das Typische bei Sander immer das Individuelle, ja Individualistische. Der Gang durch die sechs Säle im Gropius-Bau, auf die die Auswahl aus den sieben „Gruppen“ in strenger, Sander folgender Ordnung verteilt ist, offenbart einen Reichtum an Persönlichkeit, an Prägung von Gesicht und Körperhaltung, der sich jenseits aller sozialen Schichtung ausgebildet hat. Auch darin hält uns die Ausstellung den Spiegel vor.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 11. Januar. Mi bis Mo 10–20 Uhr. Begleitbuch 24,80 €.

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