Kultur : Antlitz unserer Zeit

Bernhard Schulz

August Sanders Vorhaben einer fotografischen Dokumentation unter dem Titel "Menschen des 20. Jahrhunderts" ist bestens bekannt - vor allem dank der zahllosen Ausstellungen zur Weimarer Republik, in der seine Portraits von Bürgern, Künstlern und Arbeitslosen niemals fehlen dürfen. Sander hatte sich das überaus ehrgeizige Ziel gesteckt, einen "Bilderatlas moderner Menschen" zu erstellen; ein Konzept, das noch in seine frühen Fotografenjahre zurückreicht und dann in seiner Wahlheimat Köln Mitte der zwanziger Jahre konzeptionelle Gestalt annahm. In sieben "Gruppen" mit insgesamt 45 "Mappen" und insgesamt über 600 Aufnahmen wollte er einen Querschnitt durch alle Erscheinungen menschlicher Existenz geben. Etliche der Typenportraits, wie Sander sie verstand, sind zu Ikonen der zwanziger Jahre geronnen. Bis zu seinem Tod verlor Sander (1876 - 1964) sein Vorhaben nicht aus den Augen, konnte es allerdings nicht mehr abschließen. Er hinterließ ein geordnetes Konvolut von Mappen, aus dem die ungefähre Gestalt seines "Atlas" hervorging, ohne doch bereits die endgültige Auswahl darzustellen. Ein erstes Modell seines geplanten "Kulturwerks in Lichtbildern" hatte Sander bereits 1929 mit dem Buch "Antlitz der Zeit" vorgelegt. Es machte nicht zuletzt dank der Einleitung Alfred Döblins mit dem stets zitierten Wort von der "Soziologie ohne Text" Furore. Doch sollte es bis zu der vom Sohn Gunther besorgten Publikation von 1980 dauern, bis das herkulische Vorhaben Sanders im ganzen Umfang ersichtlich wurde.

Doch jetzt erst, zwei Jahrzehnte später, liegt eine Ausgabe vor, die als "Rekonstruktion" dem mittlerweile erarbeiteten Kenntnisstand genügt: eine um 180 unbekannte Aufnahmen vermehrte, in sieben Bände aufgeteilte Ausgabe im Verlag Schirmer / Mosel, der sich seit jeher für Sander engagiert hat. Die Edition, herausgegeben von der Kölner Stiftung Kultur als der Hüterin des trotz immenser Kriegsverluste imposanten Nachlasses, folgt der Einteilung Sanders in die sieben Mappen "Der Bauer", "Der Handwerker", "Die Frau", "Die Stände", "Die Künstler", "Die Großstadt" und schließlich "Die letzten Menschen". Die vorliegende, drucktechnisch exquisite Ausgabe zeigt seine Aufnahmen so, wie er sie bereits 1929 vorgestellt hatte: als jeweils ganzseitige Tafel ohne Gegenüber. Sander wollte jedes einzelne Portrait für sich gesehen wissen, als eine Verschmelzung von Individual- und Typenportrait. Bisweilen bezog Sander typische Accessoires ein, die etwa den "Maler", den "Konditor" oder den "Handlanger" charakterisieren (hier abgebildet: "Bauernknecht", 1951, und "Sekretärin beim Westdeutschen Rundfunk in Köln", 1931). Sander forderte programmatisch "unbedingte Wahrheitstreue, ohne Mätzchen, Pose und Effekte" - so überrascht nicht, dass die Nazis 1934 die Restauflage von "Antlitz der Zeit" vernichteten. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlosch das Interesse an Sanders Lebenswerk. Erst kurz vor seinem Tod zeigten sich Ansätze einer Wiederentdeckung. Mit der vorliegenden Edition wird Sanders Rang als einer der herausragenden Fotografen des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll bestätigt.

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